Von strengen Männern, fehlenden Tomaten und einem fremden Land

Es war einmal in diesem Land ein kleines Mädchen mit großen Augen und fröhlichem Lachen. Das kleine Mädchen war ein glückliches Mädchen. Sie hatte fast alles, was sie sich wünschte – abgesehen vielleicht von dem großen, rosa Prinzessinnen-Schloss mit dem Glitzerballsaal und der weißen Kutsche. Aber wenn sie nur genug bettelte, konnte das vielleicht eines Tages auch noch der Fall sein.

Das kleine Mädchen hatte eine Freundin in einer großen, weit entfernten Stadt. Eigentlich war es nicht direkt ihre Freundin, sondern die Tochter von Mamas Freundin, aber es klang um sovieles cooler, wenn das kleine Mädchen behauptete „Meine Freundin wohnt in Berlin“ als zu sagen „Mama hat eine Freundin und die wohnt in Berlin„. Im Kindergarten konnte sie auftrumpfen. Wenn die anderen sagten „Ich hole meinen großen Bruder„, sagte das kleine Mädchen „Dann hole ich meine Freundin aus Berlin. Die ist schon viel größer!

Zum Glück wusste im Kindergarten niemand, dass die Freundin aus Berlin niemals würde kommen können. Diese große Stadt Berlin war schon eine komische Stadt. Das kleine Mädchen fuhr mit ihren Eltern und dem Baby-Bruder ganz oft nach Berlin, um die Freunde zu besuchen, aber niemals würden die Freunde sie zu Hause besuchen können. Berlin war ein bisschen wie Italien. Ohne Meer und ohne Strand. Die Menschen sprachen ein lustiges Deutsch und man musste anderes Geld haben. Alles war dort sehr anders und doch sagte Mama, dass Berlin nicht wie Italien sei.

Alexander Platz 1985

Nein, Berlin war nicht wie Italien. Berlin war ein bisschen wie ein Gefängnis. Das kleine Mädchen durfte rein und auch wieder raus, aber die Freunde durften niemals heraus. Niemand durfte aus Berlin heraus. Berlin war ein merkwürdiges Land, denn in normalen Gefängnissen wohnten böse Menschen. Die Freunde aus Berlin waren aber gar nicht böse?

So ganz verstand das kleine Mädchen nie, warum das mit Berlin so kompliziert war, aber es war eben so.

Alex 1985Wenn Mama ihre Freundin anrufen wollte, nahm sie sich das grüne Telefon aus dem Flur und rollte die ganze Schnur aus, damit sie sich im Wohnzimmer auf das Sofa setzen konnte. Und dann wählte sie. Sehr lange wählte sie. Nummer für Nummer drehte sie die Wählscheibe. Immer wieder. Und das Telefon tutete und tutete. Manchmal brauchte Mama schrecklich lange, bis sie aufhören konnte, die Wählscheibe zu drehen und immer wieder auf die Gabel zu drücken.

Dann freute sich Mama. Sie musste aber immer noch warten, bis die Nachbarin ihre Freundin zum Telefon geholt hatte. Denn Mamas Freundin hatte kein Telefon. Ein komisches Land dieses Berlin. Mamas Freundin hatte auch kein Auto. Und in Berlin gab es keine Brötchen, nur Schrippen. Alles war so spannend in Berlin mit seinen riesigen Hochhäusern und dem großen Brunnen am noch viel größeren Turm, der Alexander genannt wurde. Man durfte sich in Berlin zum Beispiel keine Pizza wünschen. Pizza gab es in Berlin nicht, denn in Berlin gab es keine Tomaten wie in Italien.

Es gab so vieles wohl nicht in Berlin, denn Mama packte ständig Pakete mit Kaffee und Strumpfhosen und lauter Kram, über das sich das kleine Mädchen nie gefreut hätte. Warum verschickt man solche Pakete? Das einzige Gute in den Paketen waren die Schokoladentafeln!

Irgendwann wurde das kleine Mädchen ein großes Mädchen. Sie war nun ein Schulkind!

Nach Berlin konnten sie jetzt nur noch in den Schulferien fahren und so wollten die Eltern des kleinen, großen Mädchens es in diesem Herbst ebenfalls machen. Denn auch wenn das kleine, große Mädchen nun schon in der Schule war, Berlin war weiterhin ein komisches Gefängnis, dass ein bisschen wie Italien ohne Tomaten, Strand und Meer war. Sie packten alle Sachen, um nach Berlin zu fahren. Und sie warteteten. Mama und Papa sagten, sie warteten auf den Brief aus Berlin, dass sie kommen dürfen. Denn man konnte nicht einfach so nach Berlin fahren, man brauchte einen Brief dafür.

Mit diesem Brief stellte man sich in die Autoschlangen vor der großen Grenze und wartete nervös. Nervös musste man schon sein, denn das waren die Eltern des kleinen, großen Mädchens immer an der Grenze. Die Männer an der Grenze schauten immer sehr streng in das Auto und das kleine, große Mädchen hatte furchtbare Angst vor diesen strengen Männern an der Grenze zu Berlin.

Ost-Berlin 86Aber es kam kein Brief, solange die Eltern des kleinen, großen Mädchens auch warteten. Die Koffer waren aber schon gepackt und so fuhren sie an die Nordsee und machten Urlaub in Deutschland statt in Berlin. Als sie nach Hause kamen, weil die Schule wieder anfing, da war der Brief da. Er lag einfach im Briefkasten, doch jetzt war es zu spät. Papa sagte, dass alles durcheinander sei im Moment in Berlin und so war auch der Brief von den strengen Berliner Männern zu spät angekommen.

Es war wohl noch viel mehr durcheinander in Berlin als die Briefe, denn die Eltern des kleinen Mädchens sprachen ständig über Berlin und das Land, in dem Berlin lag. Das Land hieß auch Deutschland. Genauso wie das Land, in dem das kleine, große Mädchen lebte. Es war ein italienisches Deutschland ohne Tomaten, Sand und Meer, dass seine Einwohner in einem großen Gefängnis leben lies. Die Mutter des kleinen, großen Mädchens holte nun ganz oft das grüne Telefon mit der langen Schnur zum Sofa und wählte. Sie wählte mit großer Ausdauer, aber ihre Freundin konnte sie kaum erreichen.

Eines Tages wenig später kam das kleine, große Mädchen aus der Schule nach Hause und ihre Mutter sagte: „Die Freunde aus Berlin kommen uns besuchen! Nach Weihnachten!“ Das kleine große Mädchen freute sich! Es freute sich sehr und verstand die Welt nicht mehr! Wie konnten die Freunde aus Berlin zu Besuch kommen? Wer hatte die Türen aufgemacht? Durften sie wieder zurück nach Berlin? Oder waren dann die Türen zu, so wie sie es oft in den Geschichten ihrer Eltern gehört hatte?

Das kleine, große Mädchen hatte unglaublich viele Fragen, die nur schwer zu beantworten waren, denn die Antworten waren alle so kompliziert. Doch ihr war alles egal, denn dieses Jahr feierte sie zum allerersten Mal Silvester mit den Berliner Freunden hier in ihrem Land! Dieses Land war nun auch das Land der Berliner und es gab schon bald kein italienisches Gefängnis mehr ohne Tomaten, Sand und Meer, in welches man Pakete voller Kaffee, Strumpfhosen und Schokolade schicken musste! Es gab keine strengen Männer und lange Autoschlangen an der Grenze, es gab keine Grenze mehr und Berlin war auf einmal noch soooooo viel größer als zuvor.


Berlin ist nicht Italien und Berlin ist nicht einmal ein Land, aber das kleine Mädchen hat das damals alles nicht so ganz verstanden. Es war sehr kompliziert.

Heute ist das kleine Mädchen groß und selber Mama. Sie ist wahnsinnig froh, dass sie ihren Kindern so ein kompliziertes Gebilde nicht erklären muss. Denn warum es damals so war, dass hat sie immer noch nicht verstanden. 


Fotos aus dem Familien-Album

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

2 comments

  1. Je älter ich werde, desto bewegender finde ich die damaligen Ereignisse. Viele Erinnerungen habe ich nicht, aber das „Begrüßungsgeld“ ist etwas, dass sich eingebrannt hat in mein Hirn. Und wie wir in der Vorweihnachtszeit ’89 unsere Errungenschaften aus dem „Westen“ unseren Nachbarn präsentierten – es waren kurioserweise überwiegend Lebensmittel in (für uns) sehr bunten Verpackungen. 😉

    1. Ja, es ist verwirrend, welche Erinnerungen hängen bleiben. Ich erinnere mich noch an eine Kasette, die mir an der Grenze weggenommen wurde, bei einem der letzten Besuch VOR dem Mauerfall.

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