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Wenn ich wilde Selbstgespräche über das Elterngeld führe…

Neulich bei mir im Büro, als ich ganz WorkingMom im HomeOffice (Nein, so läuft das hier nicht immer ab. Aber manchmal eben dann doch.) eben schnell die Wäsche wegbügelte und den Podcast der coolen Papas aus Köln hörte:

https://youtu.be/6iB0o26DvSA

(Also ich habe tatsächlich versucht, das ganze direkt als Video zu beantworten, aber bis ich mir ein gescheites Mikrofon besorgt habe, dass die Hintergrundgeräusche nicht mehr so nervig rauschen und mich überwunden habe, irgendwie nicht alles rauszuschneiden, sind die drei Jungs dann Großväter.)

So… also schreiben. Uff.
Versuchen wir es mal gegen meine Gewohnheit systematisch.

Meine Antwort auf Episode 18 des Väter-Podcasts

These: Elterngeld kostet sehr viel Geld.

Das kommt auf die Perspektive an, lieber Janni.

Elterngeld ist eine “Entgeld-Ersatz-Leistung” und bezieht sich direkt auf das entfallende Einkommen. Entsprechend sind die Kosten umso höher, je höher das Einkommen ist. Je mehr du also verdienst, desto höher fällt das fehlende Drittel im Portmonnaie aus. Wobei das Elterngeld bei Geringverdienern (bei wirklich kleinen Einkommen) bis zu 100% des vorherigen Einkommens betragen kann und durch den Maximalbetrag von 1800 Euro natürlich bei sehr gutem Einkommen, eine deutlich größere Lücke als ein Drittel des vorherigen Einkommens entstehen kann.

Elterngeld kostet also nur diejenigen richtig viel, die viel verdienen. Oder zumindest kostet es umso mehr, je mehr du verdienst.

These: Wenn du länger als zwei Monate Elternzeit nehmen willst – in unserer heutigen Zeit, musst du schon ein gut situierter Mensch sein.

Diese These ist Jannis Schlussfolgerung aus den hohen Kosten des Elterngelds, die man nur mit entsprechenden Rücklagen finanzieren kann. Diese hohen Kosten sind aber tatsächlich hauptsächlich ein Problem der “gut situierten Menschen”. s.o.

Natürlich hat man bei einem generell höherem Einkommen vermutlich einen höheren Lebensstandard mit entsprechend höheren Fixkosten, die weiter bedient werden wollen.  Aber dann ist man zumindest theoretisch auch in der Lage Rücklagen zu bilden (vorher), um diesen Ausfall zu kompensieren.

Selbstverständlich ist das Einkommen während der Elternzeit spürbar geringer. Für fast alle Einkommensgruppen. Das merkt man. Aber wie Lempi so schön anmerkt:

Du kriegst zwei Drittel deines Gehalts geschenkt, weil du ein Kind in die Welt gesetzt hast. … Ohne weitere Gegenleistungen. Du musst nicht dafür arbeiten. Das ist doch erstmal ein guter Deal!

Das Problem ist “in der heutigen Zeit” übrigens mitnichten größer geworden. Zumindest nicht, wenn man überlegt, dass das Elterngeld 2007 das Erziehungsgeld ablöste. Dieses überstiegt auf zwei Jahre verteilt nicht den heutigen Grundbetrag von 300 Euro und wurde bei höheren Einkommen (30.000 Euro/Jahr bzw 23.000 Euro/Jahr bei Alleinerziehenden) gar nicht gezahlt.

Frage: Es gibt mehr Kinder. Liegt es am Elterngeld?

In der Diskussion taucht die Frage auf, ob der gestoppte Abwärtstrend bei den Geburtenzahlen auf das Elterngeld zurückzuführen sei. Nach einigen sehr interessanten Schleifen der Debatte, scheinen sich die drei Kölner Väter auf “Nein” zu einigen. Da möchte ich anmerken, dass das Statistische Bundesamt bei der letzten Veröffentlichung der Kinderlosenquote zum Beispiel verkündet hat, dass bei den akademisch gebildeten Frauen die Kinderlosigkeit zurückgehe. Gerade diese waren doch immer so geburtenfaul in den letzten Jahren.

Warum bekommen die mehr bzw endlich überhaupt mal wieder Kinder? Das liegt zum einen an dem Ausbau der Kinderbetreuung (uuuuund das ist nochmal ein ganzes Themenfeld s.u.) und zum anderen vermutlich auch ein wenig am Elterngeld. Denn in Zeiten vor dem Elterngeld hatte man aus gut verdienende Frau (Akademikerinnen verdienen nicht immer gut, aber doch statistisch häufiger als jemand mit einem mittlerem Schulabschluss) in finanzieller Hinsicht viel mehr zu verlieren. Die Einkommenseinbußen durch die Aktion “Kinder kriegen” halten einen nicht allein davon ab, aber wenn man gar nichts bzw kaum etwas bekommt und seine hohen Fixkosten weiter tragen muss, dann macht das die Entscheidung nicht unbedingt leichter. s.o.

These: Mehr als zwei Monate Elternzeit sind nicht drin

Janni beantwortet das in seinem Blogbeitrag nicht nur mit den hohen Kosten, sondern führt in seinem Fall vor allem seine Verantwortung in der Agentur an. Angestellte in kleinen Unternehmen oder Selbtständige/Unternehmer haben es oft schwerer länger auszusteigen bzw die Last auf die Kollegen zu verteilen. Geschenkt.*

Mir fiel da trotzdem ein Tweet der letzten Tage ein:

Das Thread in Gänze zitiert:

Männer nehmen 2 Monate Elternzeit, weil das gesellschaftlich toleriert wird und man wenig Konsequenzen fürchten muss.
Frauen haben oftmals keine Wahl in dem Setting und müssen mit den Konsequenzen am Arbeitsmarkt leben.
Und so werden auch auf absehbare Zeit meist die Väter mehr verdienen und die Katze beisst sich in den Schwanz.
Also Jungs, wenn Ihr 2 Monate Elternzeit nehmt, erzählt Eurer Omi, dass mehr nicht drin war. Die lobt Euch sicher für Euren Wagemut.

Ist es nicht tatsächlich so, dass viele Väter (nicht du Janni) nur ihre obligatorischen zwei Monate nehmen, weil sie das höhere Einkommen haben und damit die größeren Einbußen in der Elternzeit?**
Das führt aber ganz logisch dazu, dass die Frau meist die restlichen 12 Monate nimmt und somit länger ausfällt. Sie ist vermutlich dann auch aus finanziellen Gründen häufig eher diejenige, die Teilzeit arbeitet. Einer muss beruflich zurückstecken, damit das mit der Vereinbarkeit läuft. Oftmals derjenige mit dem geringeren Einkommen.
Lange Elternzeiten und anschließende Teilzeit bremsen aber tatsächlich dieses Karriereding aus. Die Wahrscheinlichkeit auf baldiges höheres Einkommen wird geringer. Die Unterschiede im Einkommen zementiert.

Konsens – Kinderbetreuung

Übrigens stimme ich euch aus ganzem Herzen zu, dass der große Hebel die Kinderbetreuung ist. Hier muss die Familienpolitik ansetzen und weiter investieren.

Mehr Elterngeld wie die CDU es wohl fordert (ich habe da eure Aussage gerade ganz schlampig nicht verifiziert) bringt es nicht. Ja, das Elterngeld macht das erste Jahr oder wahlweise die ersten zwei Jahre deutlich einfacher. Aber das ist ja erst der Anfang und eine vergleichsweise kurze Zeit, die Eltern überbrücken müssen.

Um Vereinbarkeit zu erleichtern, braucht es flächendeckende GUTE!!! und bezahlbare Kinderbetreuungsmöglichkeiten. Und es reicht eben nicht, dass man rein von den Zahlen her ausreichend Plätze hätte (welche Stadt hat die schon), die Erreichbarkeit und die Qualität muss stimmen. Wir brauchen:

  • in der Anzahl ausreichende Betreuungsangebote  in zumutbarer räumlicher Nähe
  • mit individuell wählbarem, ausreichend umfangreichem Betreuungszeiten
  • in sehr guter Qualität, dass man nicht Bauchweh bekommen muss, wenn man seine Kinder abgibt
  • mit gutem Betreuungsschlüssel von gut ausgebildetem und anständig bezahltem Personal

Übrigens sind diese oft unterbezahlten Erzieher unserer Kinder auch meist Frauen. Die suchen sich ja scheinbar absichtlich immer diese blöden mies bezahlten Berufsgruppen aus.

Würde man die Erzieher unserer Kinder vernünftig bezahlen, wäre das nicht nur fair und gerecht, dieser “Frauenberuf” würde aufgewertet und man hätte vermutlich auch mehr Personal (weil es mehr Leute machen wollen). Vielleicht würde dann die Erzieherin auch so gut verdienen, dass ihr Mann auch gerne Teilzeit arbeiten geht. Weil die beiden es sich so ausgesucht haben und es finanziell keinen Unterschied macht, wer von beiden geht.

Teure Wünsche

Diese oben genannten Ansprüche an die Kinderbetreuung kosten verdammt viel Geld, aber ich bin der Meinung, dass das die Gesellschaft tragen muss. Denn wie ihr so schön im Podcast erzählt, basiert das ganze deutsche System auf einem Generationenvertrag. Die Kinder werden das System am kacken halten. Die Gesellschaft braucht Kindern.

Die im Podcast und auch in Jannis Beitrag zitierten Gesellschaften, in denen die Großfamilie die Kinderbetreuung gemeinschaftlich stemmt, haben wir hier in Deutschland nicht. Es ist aber auch nur eine andere Form des gemeinsamen verantwortlich fühlen für die kommenden Generationen.

Aus genau den Gründen bin ich nicht für eine baldige kostenlose Kinderbetreuung, obwohl ich die generell für das langfristige eher mittelfristige Ziel halte. 

Erst muss die Qualität und die Quantität stimmen, dann käme als nächster Schritt der kostenlose Zugang. Denn gesamtgesellschaftliche Verantwortung und so…

Trotzdem sind die Ungerechtigkeiten und gewaltigen Unterschiede in den Beitragskosten in dem Bereich ein Unding, was bitte besser gestern abgestellt werden sollte.

Was sagt man zum Abschluss von so einem wilden Machwerk?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit? Ähm neee, das passt weder zu mir noch zum Anlass noch zum Blog. Eher:

Lieber Janni, lieber Lempi, lieber Doc: Es war ne geile Folge und ich diskutiere das gerne nochmal bei einem Bier mit euch aus. Ob irgendwo abends auf einer kippeligen Bierbank oder in eurem Büro vor laufender Kamera. Das Thema ist noch nicht durch!

Liebe Leserinnen, liebe Eltern: Geht wählen! Geht bitte, bitte am 24. September sind Bundestagswahlen und eure Stimme ist wichtig. Engagiert euch für eine gute Familienpolitik und seid laut. Rückt sie mehr in die öffentliche Aufmerksamkeit. Wir müssen gemeinsam sichtbar sein. Ein Drittel der Wahlberechtigten sind über 60 Jahre alt in Deutschland und weisen nebenbei noch eine deutlich höhere Neigung zur Wahlurne zu gehen auf. Wer kann es den Parteien verübeln, dass sie gerade diese Wähler besonders im Fokus haben.

Eure Kerstin


Weiterführende Links:

*Wirklich. Ist nachvollziehbar. Trotzdem übrigens ein Punkt, der in Kombi mit Docs “Fuck Rahmenbedingungen! Ändere es!” zu noch einem Beitrag hier führen muss. Sorry ist so. Ach neee, nicht sorry.

**Bei dieser stark vereinfachten Argumentation lasse ich gerade außen vor bzw erwähne nicht explizit, dass es natürlich auch andere Gründe gibt, warum mann Vollzeit geht und frau das Kinderding in Elternzeit schaukelt. Ganz sicher auch manchmal einfach so, weil man das so will. Dann ist das auch total in Ordnung.

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