Heute vor 8 Jahren… ein (weiterer) Brief an meine Schwester oder „ein besonderer Tag“

Murmelmama —  17. Januar 2015 — Hinterlasse einen Kommentar

Liebe Leser,

heute ist es wieder an der Zeit, einen Brief an meine verstorbene Schwester zu schreiben. Wieso, weshalb, warum? Das könnt Ihr im Folgenden lesen.

Draußen ist wunderschönes kaltes Winterwetter – leider ohne Schnee aber dafür mit strahlend blauem Himmel. Vor 8 Jahren sah es anders aus – ganz anders. Es hat extrem geregnet und es zog ein Sturm auf. Ein Sturm fegte am Folgetag über uns herüber, wie ihn das Ruhrgebiet nicht oft gesehen hat. Für mich regnete und stürmte es nicht nur draußen. Es stürmte und tobte in meinem Herzen!

 

Kleine große Schwester

Kleine große Schwester

Mein geliebte kleine große Schwester!

Heute ist der Tag des gefühlsmäßigen Zwiespalts… ein Tag, der erinnerungsschwer ist, wie kaum ein Zweiter in meinem Leben!

Heute vor 8 Jahren habe ich Dich zum letzten Mal gesehen… und heute vor 8 Jahren hatten der Murmelpapa und ich unser erstes Date!

Es ist alles schon so verdammt lange her… die Welt hat sich weiter gedreht und es ist so wahnsinnig viel passiert.

Es sind wirklich tolle Dinge passiert ❤ immerhin ist Deine kleine Schwester mittlerweile Mama von (fast) dreijährigen Zwillingen ❤

… und trotzdem fühlt es sich oft so an, als wäre es erst gestern oder letzte Woche gewesen. Ich kann auch heute noch den 17. (ab mittags) und den 18. Januar 2007 (o.k. noch das ganze folgende Wochenende) nahezu minutengenau wieder geben.

Ich bin am 17. nach der Arbeit nach Barop gefahren, um mit Deiner Schwiegertochter, Deiner Enkelin und Deinem (kleinen) Sohn zu Dir ins Krankenhaus zu fahren. Ich wollte die Nacht dann bei Dir – also in Deinem Haus – schlafen, weil ich an dem Abend das erste Date mit meinem heutigen Ehemann und Vater meiner Kinder hatte… Du hast Dir Gedanken darüber gemacht, dass Du nicht richtig sauber gemacht hast, bevor Du wieder ins Krankenhaus bist und Dein Bett vorher nicht frisch bezogen hast. So unsinnige und nebensächliche Dinge, wenn man bedenkt, dass es das letzte Mal war, das wir uns lebend gesehen haben! Es hätte doch noch sooooo verdammt viel Wichtiges zu reden gegeben! Hinter her ist man immer klüger!

Dein Sohn hat es richtig gemacht! Ich werde nie seine Abschiedsworte, seine letzten Worte an seine Mama vergessen: „Ich wünsche Dir eine gute Nacht und schöne Träume! Ich habe Dich lieb!“ Noch heute denke ich, dass es die schönsten letzten Worte sind, die man einem geliebten Menschen mit auf den Weg geben kann. Ich hoffe, er wird es nie vergessen!

Es hat weltuntergangsmäßig geregnet. D. hat mich noch zum Pub gefahren, damit ich nicht schon klitschenass dort ankomme. Ich habe dem Murmelpapa – da er nicht gut drauf war – den ganzen Abend mantramäßig erzählt, „das Leben ist schön, man muss nur daran glauben“! Am nächsten Mittag kam ich mir vor, wie die größte Lügnerin der Welt! Auf einmal war gar nichts mehr schön!

Ich bin am Morgen des 18. Januars in Deinem Bett, in Deinem Leben wach geworden. Ich habe Deinem Sohn Tee gekocht und Frühstück gemacht. Weil das Wetter immer noch unterirdisch war, habe ich ihn vor der Arbeit noch zur Schule gefahren.

An diesem Tag waren Kollege aus Aachen da, um nach der Fusion die Inhalte der zukünftigen Arbeit abzustimmen. Lange habe ich mit meinem neuen Kollegen einfach nur gequatscht… Kennenlernen! Als wir gerade angefangen hatten, uns den dienstlichen Dingen zu widmen, klingelte das Telefon. Ich weiß noch, wie ich dem Kollegen sagte, dass das „nur“ mein Bruder ist und ich später zurückrufen könne. Ich bin dann – warum auch immer – trotzdem dran gegangen. Ich werde nie vergessen, dass er das Wort „verstorben“ gewählt hat! Du weißt so gut wie ich, dass das nicht seine übliche Wortwahl ist! Solche Kleinigkeiten haben sich, wie es scheint, auf ewig eingebrannt.

Zwei Kollegen haben mich dann Heim gebracht – ich brauchte ja mein Auto. Ich selber hätte glaube ich nicht fahren können. Auf dem Parkplatz haben wir meine langjährige Bürogenossin getroffen. Sie hatte an diesem Morgen mündliche Prüfung in einer ihrer zusätzlichen Ausbildungen. Noch bevor ich ihr erzählt habe, was passiert ist, habe ich sie gefragt, wie ihre Prüfung gelaufen ist. Ich vermute, das wird sie nie vergessen!

Genau so wenig werde ich die SMS unserer kleinen Cousine jemals vergessen „Das ist kein Sturm, das ist der Himmel der tobt und weint, weil P. so jung noch nicht haben will!“ Das schlechte Wetter wurde nämlich noch schlechter. Es wurde zu Kyrill, einen der heftigsten Stürme, die das Ruhrgebiet je erlebt hat.

Deine Jungs wollten am 18. nicht mit zu uns kommen. Am nächsten Tag riefen sie an und fragten, ob sie doch noch kommen dürften. Doofe Frage! Natürlich! Sie kamen dann mit Sack und Pack und 4 Personen plus Hund. Als sie bei Mama und Papa ankamen, hatte ich mich gerade oben ein wenig hingelegt, da ich – wie alle anderen – in der Nacht keinen Schlaf gefunden hatte. Dein Kleiner kam direkt hoch und hat sich zu mir gekuschelt. Auch hier sind Worte gefallen, die ich nie vergessen werde: „Jetzt ist Mama bei ihrer geliebten Oma!“ „Dann muss die Mama wenigstens nicht leiden!“ – wir waren nach den Aussagen im Krankenhaus ja davon ausgegangen, dass Du schlimm an Krebs erkrankt warst. Dass dem nicht so war, haben wir ja erst Jahre später erfahren.

Ich könnte noch unendlich viele dieser “Kleinigkeiten“ aufzählen. Auch wenn ich mich wiederhole, es ist wie eingebrannt.

Meine geliebte kleine große Schwester, Du weißt, dass ich viel an Dich denke und dass Du mir trotz all der Jahre noch immer fehlst und auch immer fehlen wirst… aber ehrlich gesagt, bin ich auch froh, dass die ganzen schwere Tage nun vorbei sind. Weihnachten, Dein Geburtstag und Dein Todestag sind nun mal die Tage, an denen man noch einmal besonders darauf gestupst wird, dass Du nicht da bist. Tage, die erinnerungsmäßig so wahnsinnig stark mit Dir verbunden sind!

Trotz all des Kummers und Schmerzes, mit denen der heutige und der morgige Tag belastet sind, es ist Wochenende…es ist Familienzeit. Ich will dennoch versuchen, die Zeit mit meiner tollen Familie zu genießen. Heute Abend werde ich mit dem Murmelpapa Essen gehen, denn es ist für uns ein besonderer Tag, der wahnsinnig schöne Dinge für uns eingeleitet hat.

Ich denke an Dich!

Deine große kleine Schwester

 

Nachtrag für die Leser:

Dem ein oder anderen wird aufgefallen sein, dass ich hier wieder das Bild von meiner Schwester benutze, dass ich bereits beim letzten Brief benutzt habe. Es ist keine Faulheit von mir. Es gibt fast keine Fotos von meiner Schwester, weil sie es doof fand fotografiert zu werden.

So dachte ich früher auch. Ich war in dem Punkt genauso.

Heute lasse ich mich fotografieren und mache sogar ab und an ein Selfie. Warum? Es ist für uns alle schlimm, dass wir kaum Bilder von ihr haben. Von daher fände ich es egoistisch, wenn ich weiter so handeln würde.

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Murmelmama

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Mein Name ist Tanja. Ich bin alleinerziehende, getrennt lebende, berufstätige Mama eines fünfjährigen Zwillingspaares - meine Murmels. Auf Twitter findet Ihr mich unter @Murmelmum und hier im Blog hat die liebe Kerstin mir ein kleines Dauergast-Apartment eingerichtet :-)

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