Der alte Baum

Kerstin —  21. August 2015 — 3 Kommentare

Heute im Chaos-Mutterschutz ein Gast-Beitrag von Rike. Rike schreibt normalerweise als Nieselpriem wunderbare Geschichten über ihr Leben in einem testosterondominierten Haushalt. Sie lebt daheim in Pieschen (Das ist wohl in Dresden!) gemeinsam mit drei sehr unterschiedlich großen (und alten) Jungs, die aber alle drei auf ihre Art mehr oder weniger pflegeintensiv sind. Rike nimmt es mit Humor und wir lachen mit ihr.

Aber sie kann nicht nur Humor, sie kann auch anders und deswegen muss man sie wirklich lieben!


In meinem Garten steht ein alter Pflaumenbaum. Nicht groß, nicht schön. Eher kurz gewachsen. Mit dicken knorrigen Ästen, die nach allen Seiten abstehen.

Alter Pflaumenbaum in Nieselpriems Garten

Als wir den Garten vor drei Jahren übernahmen, sagt der Opa: „Ach, der hier, der alte Pflaumenbaum, der hat seit über zehn Jahren nicht mehr getragen oder schmeißt immer gleich alle Früchte ab. Den könnt ihr fällen!“.

Wir fällten ihn nicht. 

Im darauffolgenden Frühjahr und Sommer war ich schwanger und stand oft unter diesem Baum. Sah hinauf in seine Krone. Und fühlte mich ihm auf seltsame Weise verbunden. Und da ich für schwere Gartenarbeit in jenem Jahr nicht herangezogen werden konnte, goss ich eben den Pflaumenbaum. Und saß darunter. Streichelte seine runzelige Borke und blickte hinauf in sein dichtes Blätterdach.

Alter Pflaumenbaum in Nieselpriems Garten

Und auf einmal, da! Winzige Pfläumchen zeichneten sich ab, wurden größer und praller. Und so standen wir zwei in meinem Garten, der alte Baum und ich. Tragend, obwohl niemand mehr damit gerechnet hatte. In freudiger Erwartung. Viele Wochen stand ich dort, goss den Baum, streichelte die Rinde und hoffte, er möge seine Früchte nicht vor der Zeit abwerfen. Eine Hand schützend um meine eigene Frucht gelegt.

Bis in den Winter hinein aßen wir köstlichen, duftenden Pflaumenkuchen aus großen blauen, saftigen Pflaumen. Dabei unser eigenes wundersames Früchtchen voller Liebe bestaunend.

Im darauffolgenden Jahr trug der Baum keine Früchte. Alt und knorrig stand er in der Ecke des Gartens. Ich hängte eine Hängematte an einen seiner Äste. „Hör auf, der hält das nicht. Der ist doch morsch!“, sagte der Mann.

Natürlich hielt er. Und so trug der Pflaumenbaum im vergangenen Jahr keine eigenen Kinder, sondern meine. Schaukelte sie einen ganzen Sommer lang.

Alter Pflaumenbaum in Nieselpriems Garten

In diesem Jahr belustigte ich wieder alle mit meiner seltsamen Liebe zu dem Pflaumenbaum. Seit wann man denn Bäume gießt, wurde ich gefragt. Ich lächelte und goss. Pickerte das Unkraut zu seinen Füßen aus der Erde, streichelte die Borke und blickte von der Hängematte hinauf in sein Blätterdach.

Alter Pflaumenbaum in Nieselpriems Garten

Und da sah ich sie: Winzige Pfläumchen, versteckt in einem Meer von Blättern. Als würde sich der alte Baum genieren: „Sowas in meinem Alter!“. Ringsum in den umliegenden Gärten standen die jungen, zarten Pflaumenbäume mit dicken lila Pflaumen an ihren schlanken Ästen an exponierter Stelle in den Gärten, als wöllten sie jedem der vorbeilief sagen: „Seht her, wie schwer ich trage!“. Mein alter Baum versteckte seine kleinen Früchte vor den Blicken der Nachbarn, die sicher auch der Meinung waren, so ein knorriger, verwachsener alter Baum gehöre gefällt!

Und so stehe ich in diesem Sommer wieder unter dem alten Baum und hoffe, er wirft seine Früchte nicht vor der Zeit ab. Und gieße und streichle… und lächle.

Ende.

Was das alles bedeuten soll? Ob das ne Metapher ist? Ja. Nein! Keine Ahnung, Mensch! Das ist einfach eine Geschichte. Über einen Pflaumenbaum! Ich esse eben gerne Pflaumenkuchen. Und Pflaumenmus. Ob Kerstin ein alter Baum ist? Nein, verdammt. Kerstin ist NICHT der Baum! Niemand ist der Baum. Also der Baum ist der Baum! Ich bin doch nur als Urlaubsvertretung gebucht und habe gedacht, ich versuch´s mal lyrisch. Ob ICH etwa daran denken würde… ? Hä?! Sowas in meinem Alter!


Ich (Kerstin) nehme mir derzeit eine Auszeit vom Bloggen, denn der Krümel kommt. Während dieser Zeit werden einige ganz, ganz liebe Blogger-Kollegen werden euch mit spannenden Beiträgen unterhalten. Ich freue wahnsinnig über diese Geschenke zur Geburt. 😉 Alle Beiträge des chaotischen Mutterschutzes könnt ihr hier nachlesen.

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Kerstin

Beiträge

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

3 Antworten zu Der alte Baum

  1. 

    Ein wunderschöner Text. Welche Überraschungen man erleben kann, wenn man jemandem/ etwas eine Chance gibt. Auch, wenn es ein Pflaumenbaum ist.
    Danke fürs Teilen!

    Gefällt 2 Personen

  2. 

    Hach Rike so schön geschrieben !
    Danke dafür !

    Gefällt 2 Personen

Trackbacks und Pingbacks:

  1. Gastbloggen im August | Nieselpriem - August 31, 2015

    […] Kerstin von “Chaos²” habe ich diesen Artikel geschrieben. Einen metaphergeschwängerten Text, eine Fabel quasi. Ohne Tiere aber. Dafür […]

    Gefällt mir

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