Was machst du eigentlich den ganzen Tag, Kerstin? 03/2019

Meine Antwort auf die Frage von Frau Brüllen in einem Tagebuch-Eintrag aus dem März 2019.

Das Morgengrauen.

Es ist kurz nach 5 Uhr, als mich ein Hustenanfall des Krümels weckt. Wird jetzt aus der Rotznase doch mehr?

Wach sind wir jedenfalls und sehen so dann auch den Traummann noch kurz, bevor er zur Arbeit düst. Gesprächig ist von uns aber nur einer. Krümel. Auch als ich ihn wieder ins Bett komplementiere, erzählt er mir im Dunkeln Geschichten vom gestrigen Rosenmontag im Kindergarten. An Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Um kurz nach 6 Uhr gebe ich endgültig auf und marschiere ins Bad. Krümel findet meine wortkargen Antworten so langsam fad und beschließt seine Geschwister vollzutexten. Die eine Hälfte von ihnen ist tatsächlich schon wach und heute gar nicht morgenmuffelig. Nur meine Tochter brummelt mies gelaunt in ihre Bettdecke. Sie kommt nur optisch ganz nach Papa. Beim Gemüt habe ich mich durchgesetzt.

6:20 Uhr. Erstmal Frühstück. Kaffee. Müsli. Milch. Die Kinder quasseln, ich fülle Brotdosen. Sonnenschein will heute seinen neuen Tornister im Kindergarten präsentieren. Seine Euphorie steigert die Laune seiner Zwillingsschwester total. Ihrer muss nämlich noch umgetauscht werden. Fragt nicht.

Ausnahmsweise springt der Vorschulsohn in seiner überschäumenden Energie fröhlich zum Umkleiden. Während ich der Tochter Zöpfe flechte, sucht er dem Krümel Klamotten aus dem Schrank. Den kleinen Chaoten anzuziehen, schafft er dann nicht ganz, denn der ist nur semikooperativ. Ich helfe und muss ein wenig schmunzeln, als der Große dem Kleinen die Zähne putzt. Vermutlich wird Krümel nun am Ohrläppchen heute kein Karies bekommen. Ob die Zähne ausreichend von der Putzaktion abgekriegt haben, wage ich zu bezweifeln. Zur Sicherheit schrubbe ich nach.

Dann kann es ja losgehen.

Dank des übermotivierten Sonnenscheins plumpsen wir schon vor 8 Uhr aus der Tür. Erreichen den Kindergarten überpünktlich.

„Ich verstehe, dass du auch deinen Schultornister zeigen willst,“ versuche ich ein letztes Mal die Tochter zu trösten,“vielleicht hat es aber auch etwas Gutes. Sonnenschein zeigt ihn heute und du deinen in ein paar Tagen. Ganz allein deinen. Mal nicht was nur zu zweit. Alle können deinen Rucksack ansehen.“

Wie hoch sie ihre Augenbraue ziehen kann! (Vielleicht habe ich doch optisch Spuren hinterlassen.) Nein, das leuchtet ihr nicht ein. Was soll daran gut sein?

War auch nur ein Versuch.

Sonnenschein hat seinen stolzen Auftritt und zeigt auch sonst wieder, wie groß er in den letzten Wochen geworden ist. Selbstständig und vor allem selbstbewusster. Gestern Abend fragte ich noch, ob ich seine Nägel, die er am Wochenende passend zum Karnevalskostüm lackiert haben wollte, ablackieren solle. „Die lachen sonst über mich“, war sonst immer ein Grund, den Lack vor dem Kindergarten zu entfernen. „Nein Mama, es lacht nur der Oskar. Und dem habe ich schon gesagt, dass er keine Ahnung hat. Jeder darf bunte Nägel haben, wenn er will.“

Solche Momente. Hachz. Wie oft hatte ich es ihm in der Vergangenheit gesagt.

Kurz nach 8 Uhr bin ich schon auf dem Weg ins Büro. Unterwegs kurz den Mann angerufen. „Wie geht es Krümel? Ich hatte dir schon eine Nachricht geschrieben, dass ich nach Hause komme, wenn er krank sein sollte.“ „Ach so. Nö. Der war fit und hat auch nicht mehr gehustet.“ Ich fühle mich kurz als verantwortungslose Rabenmutter, aber die Husten-Episode ging im Rest des Morgens unter wie ein flüchtiger Traum. Ich hatte den Hustenanfall schon wieder vergessen, denn außer der permanenten Rotznase, zeigte der Jüngste nach 5:10 Uhr keine Krankheitsanzeichen mehr. Und die Nase läuft seit Oktober ununterbrochen. Irgendwann nimmt man sie nicht mehr wahr.

Im Büro und so.

Um halb neun bin ich im Büro. Kaffee holen und Rechner an. Arbeit und so.

Gegen Mittag unterbricht mich mein Magenknurren und da ich für mich mal wieder vergessen habe, essbares einzupacken, gehe ich zum Drogeriemarkt. Bäcker und Co sind mit Zöliakie nicht der beste Snacklieferant. Ich krümel Maiswaffeln vorm PC und knabber auf ein paar Nüssen rum. So ’ne Pizza wäre jetzt fein.

Nachricht vom Traummann: „Haben wir heute was zu essen geplant oder soll ich was einkaufen?“ Nein, wir haben alles da.

Mein Vater ruft an. Sie seien in der Stadt, ob ich kurz rauskäme, weil sie mir was geben wollten. Das Büro liegt in der Fußgängerzone der Dortmunder Innenstadt und meine Eltern sind bummeln. Rentnerleben. 😉 Ich komme raus und erhalte einen Stapel Fußballsammelbilder. „Für die Kinder!“ werde ich mit strengem Blick angewiesen. Nicht dass mir die fußballnärrischen Kollegen wohlmöglich welche abschwatzen oder ich die Schätze daheim unterschlage. Klar, denn ich habe auch mein eigenes Klebealbum. Doppelte Bilder zum Befüllen hätte ich genug. Aber seit der Weltmeisterschaft 1990 finde ich die Klebehefte doof. Klaus Augenthaler sah damals einfach echt gruselig auf dem Sticker aus.

Um kurz nach 15 Uhr geht das Telefon erneut. Wann ich heute Feierabend machen würde? Eigentlich jetzt. Aber ob ich den Zug schaffe? Und theoretisch wollte ich noch zum Chiropraktiker, weil der Nacken schon am Wochenende so massiv Probleme machte. Aber heute geht es eigentlich und Lust habe ich eh keine.

Ein gemütlicher Lesenachmittag

Nun bin ich aber aufgescheucht und schaffe den Zug um zwanzig nach drei doch noch. Ich will nach Hause. Zeit mit den Kindern verbringen und vor allem dem Traummann. Aber vernünftig ist das nicht. Ich weiß, wie ich die Tage gelitten habe und dass die Probleme abends immer stärker werden, ich nachts kaum schlafen kann. Und morgen ist ja wieder Mittwoch, da haben die Ärzte nachmittags zu. Donnerstag und Freitag würde meine Abwesenheit am Nachmittag organisatorische Probleme im Familienmanagment verursachen und so maßregel ich mich selbst, doch noch zum Arzt zu gehen.

Viertel vor vier bin ich am Bahnhof und kurz vor sitze ich im Wartezimmer. Wenigstens habe ich den Flaschenvater vom Hanne inne Tasche. Ich fange ihn vermutlich zum fünften Mal an zu lesen, weil ich schon wieder nicht weiß, wo ich vor sechs Wochen aufgehört habe. Trotzdem muss ich so lachen, dass ich nicht nur im Wartezimmer irritierte Blicke ernte. Nein, ich nehme mir fest vor, nochmal nach Beckenbodenübungen zu googlen.

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Ein paar Stunden kichernd im Wartezimmer sitzen kann ja ganz nett sein. Aber ich wäre lieber daheim. Tatsächlich latsche ich erst um 17:30 Uhr nach Hause und bin mir mal wieder recht unsicher, ob des Kosten-Nutzen-Faktors. Erst einmal geht es mir nämlich eher nicht so fein und älter bin ich auch geworden.

Kurz vor sechs klingelt mein Handy. Des Traummanns Nummer erscheint im Display. „Ich bin fast da. Schon an der Straßenecke,“ verkünde ich ungefragt. „Du sollst aber jetzt sofort zu Hause sein!“, kreischt es mir empört entgegen, „Essen ist schon fertig! Und jetzt geb ich dir Papa!“ Ähm ja. Ich wiederhole die Androhung meiner baldigen Ankunft.

Guten Abend

Punkt 18 Uhr schließe ich die Tür auf. Schuhe und Jacke aus, Hände waschen, an den Tisch. „Mama, das Risotto von Papa schmeckt ja am besten,“ begrüßt mich die Tochter und gibt den Startschuss zu drei gleichzeitig erzählten Tagesberichten. Ich höre zu, grinse den Traummann verzweifelt an.

Das Telefon geht, da hat der Mann zumindest schon den Teller leer. Der Tornister der Tochter sei da. Ein guter Papa springt bei diesen Worten auf, hüpft in die Schuhe und fährt unverzüglich los. Das Vorschulmädchen hingegen hat gerade andere Themen: Ob die Brüder satt seien? Sie würde sich sonst opfern und den Rest von ihren Tellern essen? Das Risotto sei ja schon leer!

Sie darf.

Es gibt drei Gummibärchen zum Nachtisch, bevor sich die drei mit meiner bescheidenden Assistenz bettfein machen. Und dann ist der Tornister da! Endlich! Hah!

Über diesen Freudentaumel schaffen wir Erwachsenen nun auch endlich eine Begrüßung, eine Berührung, zwei Worte. Der Abend rauscht einem unspektakulären Ende entgegen und das ist auch wundervoll so.

Eure Kerstin

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

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