Kerstin und die komplizierte Geschichte mit der Schönheit

K wie kompliziert

Ich bin kompliziert.
Ich finde es zumindest sehr kompliziert mit mir zu leben.
Mindestens einer meiner Mitbewohner ebenfalls.
Dem jammerte ich die Tage klischeehaft ganze Tiraden vor, als ich mich – mal wieder viel zu spät – zum Verlassen des Hauses familienfeiertauglich machen wollte oder sollte.

Wobei bei mir diese Prozedur eher den Zeitumfang vergleichbar dem eines alleinstehenden Singlekerls, denn den einer Diva umspannt: Dusche, Klamotten, Make-Up und Haare kriege ich locker in 20min hin. Dummerweise gehen davon 10 Minuten für permanentes Ermahnen des Nachwuchses drauf, sich eventuell mal die Hände zu waschen oder Haare kämmen zu lassen. Weitere 7 Minuten benötige ich dann im Team mit dem Traummann für die Durchführung eben jener angesprochenen Maßnahmen an Kinderköpfen und -händen unter Protest. Mindestens. Nun denn. Für mich wird es in der Regel sportlich.

Am Ende sind wir dann trotzdem die ersten auf jeder Feierlichkeit, denn der mir Angetraute hasst Unpünktlichkeit. Und dass seine Frau immer noch im Bad steht, wenn er bereits den Kindern die Schuhe anzieht, eine kleine Schlägerei im Flur beendet und die 300 Kleinigkeiten, die ich ihm zurufe einsammeln und verpacken muss, weil wir die nicht vergessen dürfen.

manchmal ist alles doof

„Ich habe nichts anzuziehen!“ rufe ich aus dem Bad. Die erste Hose passte nicht über das ramponierte Bein mit Schiene, die nächste ging kaum oben zu. Das erste Shirt spannte, aus der nächsten Bluse platzte ich gefühlt raus und egal welches Oberteil konnte mir gerade nicht das Gefühl nehmen, einer Presswurst in Baumwolldarm sehr ähnlich zu sehen.

„Dein Kleiderschrank ist voll!“
„Aber nichts davon passt!“
„Kann nicht sein!“ wir brüllen unser Gespräch über Kinderköpfe hinweg. Mein „DOCH“ spare ich mir daher, denn ich werde sicherlich nicht vor den Kindern über meine Speckrollen spekulieren, die minimal zugelegt haben.*

„Aber ich habe keine passenden Schuhe!“ Obwohl ich doch gerade zwei Paar neu erworben hatte. Die einzigen, in die ich gerade mit dem Klumpfuß reinpasse (rosé), passen absolut nicht zu der weinroten Bluse, die meine nun schier unfassbar ausladenden Rundungen halbwegs angemessenen umschmeichelte. Eine Katastrophe.**

Alter und Übermüdung haben tiefe Falten unter die Augen gegraben und die Pubertät tobt sich ebenfalls massiv auf meinem Kinn aus. Ich versuche mir die Falten und Pickel mit Make-Up wegzukleistern. „Ich brauche endlich neue Kontaktlinsen!“ Jammer. „Dann kauf dir doch welche!“ Ja, wenn das so einfach wäre.

Als pickelige Brillenschlange ist es jedenfalls eine unfassbar komplizierte Prozedur, sich ein neues Gesicht aufzumalen. Zumindest wenn man so kurzsichtig ist wie ich. Ohne Brille sehe ich nicht einmal, ob ich beide Augen ansatzweise gleich anmale. Gehe ich weit genug vom Vergrößerungsspiegel weg, dass ich beide darauf vergleichen könnte, kann ich mich ohne Brille darin nur noch erahnen. Na super. Brille rauf. Gucken. Brille ab. Pinseln. Brille rauf. Gucken. Brille ab. Korrigieren. Brille rauf… ich fluche.

„Das geht nicht so einfach, ich muss doch neue angepasst bekommen und kann nicht einfach nachbestellen!“ „Dann geh doch zum Optiker und lass die anpassen!“ „Ich hab doch keine Zeit!“ Dieser Kerl hat auch keine Ahnung. Oder doch. Aber mit seiner pragmatischen Denkweise kann ich heute nicht umgehen.

Kerstin und die komplizierte Geschichte mit der Schönheit
Ich brauche zur Bebilderung ja ein Foto – toll wäre eines von mir – pickel-falten-frei aus dem Archiv.

Haare. Finally. ScheiBEKLOPPTER grauer Ansatz! Damit kriegse gar keine Friese mehr vernünftig hin. Ich brüste mir die Kopfhaut vergebens wund. Ich sehe aus wie ein übermüdetes Pubertier in zu enger Klamotte und natural born granny grey. Entweder wird das jetzt Trend unter den Influencern oder ich… „ich muss zum Friseur!“

Unten im Flur stöhnt jemand verzweifelt auf.
Warum denn nur?

Eure Kerstin

Anmerkung:
* Ich habe vermutlich etwas zugenommen und NEIN! das deprimiert mich nicht. Aber meine Klamotten passen gerade deswegen eben nicht optimal. Das kann nerven.
** Es kann sogar sehr nerven und dann kann ich mich sehr in dieses Drama reinsteigern, dass einfach ALLES gerade total dämlich-doof!

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

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