Was machst du eigentlich den ganzen Tag, Kerstin? 03/2021

Morgengrauen. Das Grauen.

6:15 Uhr // Das Kind muss zur Toilette. Ich quäle mich mit aus dem Bett und falle 5 Minuten später wieder in selbiges. Mir graut der Morgen.

6:30 Uhr // Der Wecker. Ja, das war mir auch vor 10 Minuten klar. Deswegen graut es mir ja. Das Kind läuft ins Kinderzimmer. Oder so.

6:45 Uhr // Ich muss wirklich aufstehen. Wirklich! Ich mache das auch wirklich. Katzenwäsche und in die Klamotten steigen. Weitere Kinder schlurfen über den Flur.

7:00 Uhr // „Zieht ihr euch bitte an?“, ich bin ein wenig erstaunt, dass niemand mault. Höchstens ein bisschen. Denn eigentlich ist es zwar grauenhaft früh, doch uneigentlich ist Schule. Und Kindergarten. Und dass ist ein so wundervolles Highlight nach all den Wochen daheim, dass die Kinder auch am Ende der zweiten Woche sich wirklich freuen.

Aktuell gehen die Zweitklässler jeden zweiten Tag in die Schule. Für vier Schulstunden. Der Krümel geht an diesen Tagen auch in den Kindergarten.

Ich koche mir derweil eine Tasse Kaffee, stelle Müslischüsseln und Haferflocken auf den Tisch, richte Brotdosen her. Mehr in Trance als wach. Merkwürdig friedlich und glatt läuft der Morgen. So gar nicht grauenhaft.

7:30 Uhr // Das Frühstück ist verzerrt. Die Kinder haben geputzte Zähne, die Brotdosen sind in den schweren Tornistern verstaut und um den Hals der Zwillinge baumeln ihre Masken. Während sie zur Schule fahren, tapsen der Krümel und ich zum Kindergarten. Es ist kalt.

8:00 Uhr // Ich verabschiede mich vor den Toren zum Kindergarten vom Krümelchen. Eine Mutter bringt ihr Kind. „Wie geht es dir?“, frage ich. „Frag nicht, ich kann nicht mehr.“ I feel you. So sehr.

Einfach mal ganz achtsam die Wand anstarren

Ich gehe durchs Dorf zurück. Komme heim, mach mir einen Kaffee und starre die Wand an. Ausgiebig. Ich könnte direkt loslegen zu arbeiten und sogar etwas schaffen. Vielleicht mal nicht den ganzen Tag brauchen, um in kleinen Häppchen alles erledigt zu bekommen. Aber ich starre die Wand an. Das scheint mir sehr angemessen gerade.

8:50 Uhr // Büro! Also das daheim. Im Büro-Büro war ich seit September genau einmal. Alles wie immer also. Nur ohne Kinder um mich. Ich starre den Bildschirm an.

9:45 Uhr // Ich unterbreche meine Arbeit und husche ins Bad. Nach Monaten ohne Make-Up im Gesicht, brauche ich jetzt eine Schicht Fassadengrund, ein wenig Spachtelmasse unter den Augen und einen dezenten Anstrich, um die schlimmsten Spuren zu übertünchen, bevor ich gleich die erste Videokonferenz habe. Soll ja schließlich keine Live-Übertragung aus der Gruft werden.

10:00 // Ich habe mir erfolgreich einen Instagram-Filter ins Gesicht gemalt und den herausgewachsenen Bob zu einer VK-Frisur zurückgesteckt. Hinten habe ich nur ein lächerliches Stummelchen von Haar, aber vorne könnte es eine Frisur sein. Welche allerdings ein wenig an Morticia Adams erinnert, denn ich habe aufgehört zu färben und der naturalborn Grannystyle funzt zu meinem Bedauern nur an den Schläfen so richtig, der Rest des Haupthaars ist irgendwie noch nicht bereit zu ergrauen. Ich plane aber, das als heißen Trend zu etablieren.

10:30 Uhr // Besprechung pünktlich zu Ende. 30 Minuten, um die komplette Arbeit des Tages zu wuppen, bevor dann wieder ein Meeting das andere jagt und zwischendurch der Kinderlärm um mich herum anschwellen wird. Das ist dieses Wellness, oder?

11:15 Uhr // Nachdem ich eine Viertelstunde vergeblich versucht habe, dem Termin beizutreten, lasse ich einfach sein. Ist zwar kacke, aber immerhin weitere 30-40 Minuten ruhige Arbeitszeit für mich.

Ein Tag in Häppchen

11:45 Uhr // Die großen Kinder kommen nach Hause. Ich bin müde, mir fallen fast die Augen zu. Ich mache Pause. Weniger wegen der Müdigkeit, eher damit die Kinder ein Zeitfenster ungeteilter Aufmerksamkeit meinerseits bekommen. Ich bin dabei so aufmerksam, wie ich in der 8. Klasse im Chemie-Unterricht war. Merkwürdigerweise hat das damals aber auch für eine gute Note gereicht. Heute bin ich zumindest deutlich bemühter um echte Aufmerksamkeit. Aber auch müder.

Die Zwillinge streiten direkt, ob sie Hausaufgaben auf haben. Eigentlich gibt es nie Hausaufgaben an einem Freitag. Heute aber schon, meint ein Kind. Das andere meint vehement, dass die Aufgaben alle für Montag im Distanzlernen sind. Wir einigen uns diplomatisch darauf, dass die Aufgaben heute gemacht werden können oder Montag; und die Kinder es selber entscheiden können.

Das ist erstmal ok und ein Kind setzt sich Kekse knabbernd an Mathe, das andere geht ins Kinderzimmer spielen. Ich habe nur ein wenig Bauchweh, weil ich die ziemlich großzügige Menge im Hausaufgabenheft sehe. Sehr viel wird das Montag werden – auf einen Schlag. Heute will ich aber keinen Druck.

Kekse. Ein Symbolbild. Als würde ich gerade noch selber backen.

11:20 Uhr // Zurück am Schreibtisch. Ich kaue Maiswaffeln. Weniger aus Hunger. Sicher nicht aus Appetit auf geschmacksneutrale Popcornpressplatten. Aber ich muss etwas essen.

13:15 Uhr // Die restlichen beiden Familienmitglieder kehren heim und ich mache eine Pause auf einen Kaffee mit den vieren. Über den Wohnzimmerboden krabbeln Ameisen. Ja, super auch. Seid willkommen. Stay@Home und so.

13:30 Uhr // Back@Work – während der kommenden VK taucht mal ein Kind und dann das andere im Büro auf. Sie sind lieb, haben sich eh schon lange daran gewöhnt, dass ich da bin und doch nicht für sie (ganz) da bin. Ich mag es aber immer noch nicht, bzw würde es mir anders wünschen. Mir wünschen, dass ich dem beruflichen Gespräch ungestört folgen kann, ohne das halbe Ohr beim Kind, dass ich dem Kind das ganze Ohr schenken dürfte. Auf Dauer so anstrengend. Für alle.

Sagte ich, dass die Kinder das ganz toll machen?!

Was genau ist eigentlich Feierabend?

15:00 Uhr // Ich bin nicht annähernd fertig mit meiner Arbeit, aber wir haben einen Termin und müssen los. Selbstverständlich kommen wir erst verspätet los, weil ich nicht so schnell loskomme. Gehört sich so.

16:00 Uhr // So ein Schuss in den Ofen oder auch „Stress umsonst“ wegen etwas, weswegen ich persönlich mir auf gar keinen Fall hätte Stress machen wollen, aber jemand anderem war es wichtig. Und so ist es in mehrfacher Hinsicht ärgerlich, dass der Termin eben völlig singfrei bleibt.

Ich fahre direkt weiter, denn irgendwer muss einkaufen. Unser zwischenzeitlich vorbildliches Lebensmittelmanagement ist in den letzten zwei Wochen eingebrochen. Wir haben wieder einmal keinen Plan, was es zu Essen geben soll und wieder einmal einen leeren Kühlschrank. Ich brauche nicht ein x-tes Notfall-Nudel-Essen diese Woche.

Ist allerdings eine sehr dämliche Idee – mit nur drei Maiswaffeln und doppelt soviel Kaffee im Magen – an einem Freitagnachmittag ohne Plan und Einkaufszettel mal eben (lautes Lachen einfügen) einkaufen zu gehen. Praktischerweise ist das Geschäft überfüllt und mir wäre auch ohne FFP2-Maske auf der Nase schon ziemlich flau. Also so schnell wie es eben geht und nur das allerallernötigste. Was bedeutet, dass morgen wieder jemand los muss. Yeah.

Aber das Leben wäre ja sonst langweilig. Dass ich vergessen habe, die Parkscheibe rauszulegen und mir das erst IM Laden auffällt, erhöht den Nervenkitzel nur noch. Es sind die kleinen Dinge.

17:00 Uhr // Ich bin zu Hause und muss eigentlich noch arbeiten und wollte auch noch. Aber dieser Umstand führte eine Stunde zuvor noch zu leichten diplomatischen Verwickelungen im Führungsteam der Chaos-Mannschaft. Weil ich angeblich schon 80 Stunden die Woche arbeiten würde und mich eh kaum noch auf den Beinen halten könne. Ich bestreite kategorisch beides. Weil es nicht wahr ist. Wahr ist aber, dass ich keinen Feierabend mehr habe und weil ich in Häppchen arbeite und so nebenbei (jetzt hier hysterisches Lachen denken).

Ich bin also vernünftig, esse eine Banane, weil ich essen muss. Und husche heimlich an den Schreibtisch, um dem Kollegen, der eigentlich noch heute Antworten erwartet, diese für Montag anzukündigen. Ich muss nicht direkt herausposaunen, dass ich einsichtig bin und mir einen Feierabend verordnet habe.

Im Wohnzimmer schickte ich den Staubsaugerroboter auf noch eine weitere Runde Jagd auf ameisenfreundliche Brötchenkrümel, versuche meine ergatterten Lebensmitteleinkäufe in ein Abendessen zu verwandeln. Ziel wäre jetzt echt gutes Essen, das ein wenig aufbaut.

Draußen vor dem Haus ist eine Baustelle im Vorgarten, die den Rest der Familie schon seit zwei Stunden wieder fesselt.

Könnte sehr idyllisch sein das alles.

Und weil es so idyllisch ist und ich gerade so einen Lauf in Sachen Vernunft habe, nehme ich meinen Rechner und schreibe. Dieses Mal schreibe ich wirklich, während ich die letzten Wochen immer nur dachte, dass ich dringend dieses oder jenes verbloggen würde. Für mich.

Die Tagebuch-Einträge am 5. eines Monats haben Tradition.
Hier auf dem Chaos-Blog und vor allem drüben bei Frau Brüllen.
Ein Tag im Monat exemplarisch festgehalten.

18:00 Uhr // Feierabend, Abendessen und ein langes Videotelefonat mit Oma und Opa bei einem Gläschen Wein.

Sofa, Popcorn und ein Familienfilm.

Und vermutlich werde ich auch heute nicht vor Mitternacht schlafen. Denn diese Abendstunden brauche ich. Ich brauche die trashige Serie und die Zeit mit mir, in der niemand etwas von mir will.


Wir leben seit einem Jahr in permanenten Ausnahmezustand und das macht soviel mit uns. Manche Menschen sind starr vor Angst, manche sind alles leid und frustriert, manche halten sich gut aufrecht, anderen macht es wenig aus und wieder andere sind am Ende ihrer Kräfte. Ich bin gerade einfach müde und stumpf. Oder nicht nur gerade. Schon eine Weile. Ich mache einfach, ich funktioniere, ich bin nicht ängstlich, nicht um mich besorgt (wohl aber um andere), nicht unglücklich, aber lange über meine Grenzen hinaus und weiß doch, dass ich weiter funktionieren kann. Ich schlafe nicht schlecht, sondern erschlagen wie ein Stein.

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

1 comment

  1. Ach Kerstin, wie schön, von euch zu lesen und ein dickes „I feel you!“ Hier herrst auch eher stumpfes vor sich hin wurschteln mit wöchentlich neuen logistischen Eskapaden (Wechseluntericht (allerdings dürfen sich die Grundschüler hier im Haus abwechseln (großes Augenroll)), Kita zu, Kita auf, Homeoffice für den einen Elter, auf keinen Fall Homeoffice, arbeitet doch lieber in Schichten, damit nicht so viel Leute im Büro sind für den anderen Elter usw. usf.) Ich schleppe mich von Ferien zu Ferien, weil irgendwie ist es schon entspannter, wenn diese Sch…Heimbeschulung wegfällt – von Erholung will ich gar nicht erst anfangen…

    Alles Liebe <3
    Nadine

    Ps.: Ich hab euch neulich zufällig in so ner Doku über neue Väter bzw. Männer oder so was entdeckt und konnte meinem Mann zeigen, dass er kein Einzelfall ist ;o)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Warning: Unknown: write failed: Disk quota exceeded (122) in Unknown on line 0

Warning: Unknown: Failed to write session data (files). Please verify that the current setting of session.save_path is correct (/tmp) in Unknown on line 0