Manchmal kann man nicht gleichzeitig für sich und für alle anderen dasein

das achtsame Dilemma eines liebevoll, beschissenen Gewissens im Advent

Nicht nur im Advent, aber gerade im Advent droht der Stress. Lassen wir den Konsumstress mal außen vor. Niemand muss wie bekloppt nach Geschenken rennen und alles perfekt dekoriert haben.

Das wissen wir. Es ist schick, das nicht zu tun und alles selbst zu klöppeln. Dass es eventuell stressig sein könnte, alle kleinen Nettigkeiten selbst zu basteln, nähen und zu backen, geschenkt!

Irgendwie ist immer zu wenig Zeit.

Zeit zu entspannen, zu genießen, achtsam zu sein. Ein liebevoller Mitmensch zu sein, ein liebevoller Vater, eine liebevolle Mutter, eine achtsame Tochter, eine hilfsbereite Freundin.

Man muss sich selbst lieben, um andere lieben zu können. Man muss auf sich selbst achten, um wirklich gut auf andere achten zu können. Da bin ich vermutlich ein absolut perfektes Beispiel, denn dieses Jahr bin ich zwangsweise oft weit über meine Grenzen hinaus gegangen. Habe einfach weiter funktioniert, versucht alles zu geben, wenn doch eigentlich nichts mehr ging.

Auf mich selbst achten? Auf meine eigenen Bedürfnisse? Auf meine eigene Gesundheit? Dafür war keine Zeit und auch keine Energie übrig.

Das kann nicht gut gehen. Ist es auch nicht.

Aber wie geht es anders?

Klar, man kann auf den Perfektionismus scheißen und auch mal den Haushalt Haushalt sein lassen. Ist ja eigentlich auch total schick. Dann ist es hier halt chaotisch, dass ich die erste bin, die das ramdösig macht, dass es nervig ist, wenn morgens frische Socken im Wäschekorb gesucht werden müssen, dass es vielleicht gemütlicher wäre ohne dreckiges Geschirr auf der Spüle? Ist doch so herrlich unperfekt! Hashtag #mehrrealitätaufinstagram

Ich könnte mich darin üben eine perfekt unperfekte Hausfrau zu sein, damit kokettieren. Ich könnte soviel… und soviel lassen.

Ich kann viele Dinge tun, die mir gut tun und andere Dinge dafür sein lassen.

Natürlich kann ich ganz entspannt mit meiner Familie zu Ende frühstücken und den Vormittag genussvoll verbummeln, aber dann kann ich nicht für die kranke Nachbarin morgens schon Schnee schippen.

Natürlich kann ich mich mit Freundinnen zu Kaffee treffen und ein wenig quatschen, aber dann kann ich in der zehn weitere Punkte auf der ToDo abhaken. Dann Anrufe nicht getätigt, Texte nicht geschrieben, die Kinderhose wieder nicht geflickt,…

Natürlich kann ich einfach eine Pause machen, ein Buch lesen, einen Tee trinken, aber dann schaffe ich es heute nicht mehr zur Post und der Einkauf müsste spät abends erledigt werden.

Natürlich kann ich den PC abends auslassen, mich aufs Sofa kuscheln und früh schlafen gehen, aber dann bleiben die E-Mails unbeantwortet.

Es gibt Dinge, die muss man erledigen. 

Es gibt Dinge, die sollte man erledigen.

Und es gibt Dinge, die würde man gerne erledigen.

Sich Zeit nehmen für diese Dinge. Sie genießen. Sie auskosten. Bewusst erleben. Bewusst langsamer machen bedeutet, dass man weniger macht. Man macht es intensiver, vielleicht entspannter, aber man macht weniger. Ergibt in der logisch Konsequenz, dass irgendwas durchs Raster fällt.

Was bleibt am Ende liegen?

Die Prioritäten setzt jeder anders. Es kann im Haushalt mehr liegen bleiben, es kann auf aufwendige Weihnachtsdekoration verzichtet werden, man kann Kekse kaufen statt zu backen, man muss keine Geschenke selber basteln, man kann sich mehr auf seine Familie fokussieren,…

Aber dann kommt bei mir immer das schlechte Gewissen.

Mir machte es Jahr für Jahr selbst sehr viel Freude, Weihnachtskarten zu basteln, zu schreiben und zu verschicken. Ich freue mich selbst sehr über Weihnachtskarten und liebevolle Grüße.

Letztes Jahr habe ich erstmals darauf verzichtet und es fühlte sich doof an. Diese kleinen lieben Grüße. <3 Sie fehlten mir, auch wenn sie bei uns von anderen ankamen.

Ich denke an dich. Ich wünsche dir von Herzen ein Frohes Fest.

Ich möchte das so vielen Menschen sagen. Ich möchte kleine Geschenke verpacken, mit einem Buch auf dem Sofa entspannen, möchte Kekse backen und in Tütchen packen, kleine Aufmerksamkeiten verschicken.

Ich möchte hilfsbereit und aufmerksam sein.

chaotischer Advent im Jahre 2017

Dieses Jahr war nicht unser Jahr und es darf am Ende ganz still ausklingen. Wir machen nur, was gemacht werden muss. Wir machen, was uns gut tut, worauf wir Lust haben, wofür Zeit ist.

Wir backen Kekse mit der Patentante, wir treffen uns zum Mittagessen in der Stadt, ich verabrede mich mit Freunden, gehe mit den Kindern zum Krippenspiel, vielleicht schreibe ich auch Weihnachtskarten, aber vermutlich bastle ich sie nicht selber.

Vielleicht nehme ich sogar einfach gesammelte Reste und kaufe nicht einmal neue? Aber ich schreibe sie, denn das macht mir die meiste Freude daran.

Und ich freue mich darauf, dass 2017 nun bald zu Ende ist, das andere Jahre kommen, soviele Jahre folgen werden. Und es wird Jahre geben, in denen deutlich mehr überschüssige Energie vorhanden sein wird. Es wird Jahre geben, in denen ich mehr geben kann, mehr machen kann. Ohne dass es sich stressig anfühlt.

Und wer langsamer macht, macht eben weniger. 

Eure Kerstin


Ich bin nicht allein mit diesen Gefühlen, auch Alu denkt die Tage darüber nach, dass es sich manchmal echt fies anfühlt, wenn man Dinge eben NICHT tut. Wie Weihnachtskarten schreiben.

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

4 comments

  1. Du hast Recht. Es fühlt sich fies an. Aber ich hatte irgendwann einen Moment wo mir sehr klar war, dass mir dieses fiese Gefühl nicht weiterhilft. Es klingt vielleicht komisch aber irgendwann fühlte es sich nicht mehr fies sondern genau richtig an, weniger zu machen. Ich schaff leider auch vieles nicht und einiges davon möchte ich mir auch gar nicht vor Augen führen, weil dann das fiese Gefühl wieder da wäre. Mein Weg aktuell ist eher alberne Eskalation 😉

    1. Ach Danke für deine wunderbaren Worte. Ich glaube auch, dass es Zeiten des Gebens und Zeiten des Nehmens gibt. Dass man auch einfach tief empfundene Dankbarkeit ohne Schuld haben kann/darf. Bezogen zB auf unser Jahr und all die lieben Worte, Briefe, Pakete und tatsächliche handfeste Hilfe. Ich muss es nur lernen zu verinnerlichen. Ich stand sonst immer auf der anderen Seite. LG

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