2 Kinder, 2 Jahre

Kerstin —  25. August 2015 — 2 Kommentare

Heute im Chaos-Mutterschutz ein Gast-Beitrag von Minusch. Minusch bloggt auf 2kinder/küche/bad/balkon und ist die Mama dreier Jungs: eines kleinen, eines ganz kleinen und eines Jungen, der jetzt viel größer wäre, wenn er noch wäre. Sie kann tatsächlich Origami-Kraniche falten! Wow! Das habe ich bisher nur vergeblich versucht.
Übrigens ganz sie auch schreiben. 😉 Sogar ganz toll, aber PSSST! 


Als ich im Sommer 2012 den Schwangerschaftstest in der Hand hatte, war mir logischerweise schlecht. Aber ich habe auch geweint. Unser Sohn war gerade mal 4 Monate alt. Also wir waren gerade aus der schlimmsten Schreiphase raus, hatten uns einigermaßen eingegroovt und es fühlte sich gerade ein kleines bißchen leichter an. Und dann dieser Strich auf dem Teststreifen.

Zu dem Zeitpunkt wollte ich meinen Partner eigentlich noch dazu überreden, ein Pflegekind aufzunehmen, anstatt ein weiteres eigenes Kind zu bekommen. Meine Schwangerschaft mit dem Großen war so katastrophal besch***, dass ich mir absolut sicher war, dass ich als Schwangerschafts-Versagerin zwar eine gute Mama wäre, dass ich aber eben nicht nochmal schwanger sein wollen würde. Trotz Wunsch nach einem Geschwisterchen.

Tja.

Der Große hat uns überrascht und ins kalte Wasser geworfen.
Warum also nicht auch der Kleine?

Der Geburtstermin ergab in etwa einen Altersabstand von einem Jahr. Menschen, die das mitbekamen, kommentierten zumeist mit einem anerkennenden „Sportlich, sportlich!“
Schön war das nicht. Geplant war es nicht. Es war eben, wie es war.

Schon früh wurden wir von verschiedensten Seiten darüber aufgeklärt, wie das mit der Eifersucht unter Geschwistern denn so wäre und dass die „Enttrohnung“ des Großen sehr vorsichtig vonstatten zu gehen habe und dass wir uns Gedanken machen müssten und dass es dann später aber ganz einfach werde.

Tja.

Wie war es denn wirklich, als der Kleine kam?

Genau ein Jahr und 11 Tage nach dem Großen.

Es war erst das pure Glück, weil er als einziger meiner Söhne sozusagen mit OK kam. Der Große und der Engelbruder wurden ja beide früher geholt. Der Kleine hatte einen Kaiserschnittermin und wehte bereits in der Nacht davor heftig durch meinen Bauch, so dass ich mit jedem Schmerzschub Freudentränen spüren konnte. Im Krankenhaus dann auch: ich durfte mein Kind auf den Arm nehmen. Ihn halten. Er wurde mir nicht weggenommen. Noch nie. Das Glücksgefühl war unglaublich. Ebenso unglaublich wie der Absturz danach: Komplette Erschöpfung. Ich konnte mich nicht abschotten. Ich vermisste im Krankenhaus mein großes Kind und wollte heim und spürte gleichzeitig diese enorme Müdigkeit…

Sobald ich zuhause den kleinen Bruder auf dem Arm hatte, war ich für den Großen unsichtbar. Buchstäblich. Er antwortete mir nicht mehr. Sah an uns vorbei. Verließ den Raum. 3 Monate lang. Der kleine Bruder war glücklicherweise von Anfang an in der Lage, geduldig zu sein, wenn der Große mit seinen Bedürfnissen Raum forderte. Ich glaube inzwischen auch, dass das etwas im Wesen des Kleinen ist und nicht eben nur sein Notfallplan. Wir hatten Glück.

Zum Glück hatten wir dieses Glück, denn alles andere war eine Katastrophe. Ich brach regelmäßig innerlich zusammen, weil ich es nicht schaffte, alles unter einen Hut zu bringen. Ich tobte, heulte. In mir drin war alles wund. Ich hatte mich nie ausreichend von der letzten Schwangerschaft erholt. Fühlte mich, wie ein von den Hunden gehetzter Hase. Keine Pausen, kein Luft holen, kein Umschauen, immer weiter.

Klar wusste ich, was die Ratgeber so alles empfehlen. Ratgeber können so klug sein. Nur: wenn es nicht geht, fühlt sich das persönliche Versagen schlicht noch schlimmer an. Immer begleitet von einem „aber bei den anderen geht es doch auch“.

Ich möchte hiermit bekennen: Nein! Es geht nirgendwo selbstverständlich auch! So!

Ein weiteres Jahr war nötig, um in die Nähe eines beherrschbaren Alltages zu kommen. Ein Jahr voller Verzweiflung, weil der Kleine den Großen vom Schlafen abhielt und deswegen im Arbeitsszimmer schlafen musste, weil er im Schlafzimmer bei uns Eltern gar nicht schlief (ebenso wie wir)<< ihr könnt euch das schlechte Gewissen sicher lebhaft vorstellen, wenn ich meinen kleinen Sohne abends neben Bücherregalen von Papasch im Kreis herum trug.

Nichts war so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich war nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich versuchte es mit Häkeln zum Ausgleich, was ich doch nur dann machen konnte, wenn die Kinder schliefen, weil Papasch keine Lust hatte, die Kinder von den Wollknäulen fernzuhalten. Ich versuchte es mit Yoga und verzweifelte an dem Wunsch meiner Kinder, genau in dem Moment mit mir kuscheln zu wollen, wenn ich gerade versuchte, die Balance zu finden.

Mein kleiner Sohn musste zwei Jahre alt werden, damit ich mein Gefühl von Freiheit wiederfinden konnte.

An die letzten beiden Jahre habe ich kaum konkrete Erinnerungen, es sei denn, es gibt Fotos davon. Der Rest ist verwaschen.

Ich war überfordert. Etwa drei Jahre am Stück. Drei Jahre lang wucherten meine Sehnsüchte und Energien und verknoteten sich immer wieder in der Realität. Und doch: jetzt habe ich hier zwei Söhne, die tatsächlich Spielkameraden sind. Beide können laufen und sprechen (wie hat der Kleine Sprechen gelernt?…ich erinnere mich kaum…konnte der schon immer sprechen??). Beide kennen die Interessen des anderen und denken ihn mit. Bekommt der eine etwas geschenkt, bittet er um ein zweites für den Bruder. Manchmal wecken sie sich gegenseitig. Bauen sich Höhlen. Sie machen jeden Tag etwa 3 Läden auf um Eis-CoucCous, Kaffee und Sockenfleisch zu verkaufen. Sie bauen Tierkliniken. Sie bauen Bahnen. Sie zerwühlen Betten und machen gemeinsam im Kinderzimmer Picknick…

Keine Sorge, den üblichen Kindermist haben wir hier auch. Und sie kratzen und kneifen und hauen und treten wie jedes normale Kind. Aber sie sind eben Freunde geworden. Schon jetzt. Nach nur zwei Jahren. Ich freue mich schon auf den Urlaub, weil ich weiß: dieses Jahr machen die zwei mit Sicherheti in Laufweite einen Laden auf und Papasch und ich können ab und zu die Augen schließen und träumen.
Tja.

Liefs,
Minusch


Ich (Kerstin) nehme mir derzeit eine Auszeit vom Bloggen, denn der Krümel kommt. ❤ Während dieser Zeit werden einige ganz, ganz liebe Blogger-Kollegen werden euch mit spannenden Beiträgen unterhalten. Ich freue wahnsinnig über diese Geschenke zur Geburt. 😉 Alle Beiträge des chaotischen Mutterschutzes könnt ihr hier nachlesen.

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Kerstin

Beiträge

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

2 Antworten zu 2 Kinder, 2 Jahre

  1. 

    „Be the first to start the conversation“, werde ich hier freundlich aufgefordert. Dann mach ich mal: Danke Minusch, Du Großartige! Fein und sehr mitnehmend geschrieben. Ich fühle mich jetzt auch vollkommen erschöpft nur vom Lesen. Du hast es geschafft! Das Gefühl zu transportieren und vor allem, Du hast diese Jahre geschafft! Bämm! Tschaka! Ja, Mädchen, Du hast es geschafft. ❤ Und wie. Toll nämlich.
    Sonnige Grüße, Deine Rike

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  2. 

    Ganz wunderbar geschrieben!
    LG, Micha

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