Kommunikation ODER warum ich unaufgeregt gerade so einen ellenlangen Schwachsinnsmonolog schreibe

Kerstin —  9. Mai 2017 — 6 Kommentare

Alle Jubeljahre überkommt es mich wie im Fieberwahn und ich schreibe Meta-Texte, blogge über das Bloggen, twischter über Twitter, poste über Social Media Themen oder verrenne mich sonstwie in der Metakommunikation. Immer wieder nehme ich mir danach vor, das zukünftig nicht mehr (hier) zu machen.

Denn eigentlich halte ich doch recht viel von genauer Zielgruppenansprache und unterstelle jetzt mal, dass die meisten von euch hier nicht zwingend hinklicken, um Texte über Kommunikation in all ihren Facetten zu lesen.

Aber da ich gerade keinen anderen Blog zum Posten habe, grundsätzlich auf dem Chaos-Blog eh total inkonsequent mit meinen eigenen Vorgaben umgehe und es mir einfach gerade in den Fingerspitzen zuckt, müsst ihr dadurch oder ganz, ganz schnell diesen Link* klicken.

Online wütet der Mob im Hexenkessel

Erstaunlicherweise kommunizieren die meisten Menschen online oft sehr viel offener und direkter. Das zeigt sich täglich ganz gruselig exemplarisch bei den vielen kleinen und großen Scheißestürmchen auf den sozialen Plattformen. Da wird beleidigt und diffamiert, mit Worten umsich geworfen wie wild. Es gibt unzählige Publikationen über die derben (teilweise eher ekelhaften) Umgangsformen im World Wide Web.

Dem anderen nicht ins Gesicht sehen zu müssen, scheint viele Menschen völlig zu enthemmen. Ganz brave Menschen werden online zu verbalen Bestien.

Anonymität verändert die Komunikation meinem Gefühl nach nur bedingt. Man braucht nur die Kommentarfelder klassischer Zeitungen auf Facebook zu herkömmlich polarisierenden Themen anklicken. Da beschimpft Hebert Müller den Papa Schlumpf nicht minder scharf als dieser unterhalb jeder Gürtellinie aus eben jener Region zurück scheißt schießt. Ich glaube nicht, dass Hebert Müller in einer face-to-face-Kommunikation ein so umfangreiches Vokabular an unterirdischem Fäkal-Fach-Vokabular ausbuddeln würde, aber sein tatsächlicher Name nebst hübschem Urlaubslaune-Bierprost-Accountfoto hindert ihn online nicht daran.

Mein anonymes ICH

Anders herum gibt es viele anonyme Accounts unter Pseudonym und mit Comicfigur als Avatar, die mit ihrem ganzen Herzblut hinter diesem Account stehen. Sie geben viel von sich Preis, entwickeln über die Zeit eine virtuelles Ich. Wird dieser Account, dieses virtuelle Ich, die anonyme Person beschimpft und beleidigt, dann schützt sie die Anonymität nicht davor, emotional betroffen zu sein, sich beleidigt und beschimpft zu fühlen.

Trotz oder wegen der vermeintlichen Anonymität wird online auch oft im weit weniger negativem Sinne sehr offen kommuniziert. Hier hört man mir zu. Hier liest man mit. Ob das gleich – wie in meinem Fall – auf einem ganzen Blog stattfinden muss oder im Modelleisenbahn-Plaudereck-Unterforum, in der Facebook-Stillgruppe oder in den Kommentarspalten klassischer Medien: Es werden Dinge niedergeschrieben, die viele so in dieser ausführlichen, offenen Art niemals ihren Bekannten erzählen würden.

Doch je offener man schreibt, desto verletzlicher wird man. Man macht sich nackig, baut Grenzen ab und steht dann angreifbar da.

Bloggen ist Dialog

Während die klassische massenmedial vermittelte Kommunikation noch eine Einbahnstraße war, ist die Kommunikation online heute ein Dialog. Auf einen Tweet folgt ein Reply, auf den Blogpost ein Kommentar und, selbst wenn der Sender gar keine Kommentare zulassen wollte, so wird gleich nebenan seine Botschaft aufgegriffen, kommentiert, kritisiert, zerrissen. Ein Blog ist kein Monolog, sondern im positiven Sinne eine Einleitung zum Dialog.

Dabei kämpft man in diesem Dialog mit den Grenzen der schriftliche Kommunikation, denn auch wenn es technisch denkbar wäre, die Debatten finden im Anschluss ja seltenst in größeren Video-Chats sondern in den Kommentarspalten statt.

Emojis sind auch keine Lösung

Schriftliche Kommunikation kann wunderbar ausgefeilt sein und lässt herrliche Wortspielerein, dekorative Stilmittel zu, denn im Idealfall denkt der Schreiber ein oder zwei Sekunden länger über einen Satz nach als der Sprecher. (Naja, Idealfall und so… ich bin da kein glänzendes Beispiel.) Aber die Schriftsprache lässt auch soviele Ebenen weg, die uns in einem persönlichen Gespräch helfen, miteinander zu kommunizieren. Die Tonalität, die Mimik und Gestik fehlen und können auch nicht durch ganze Wagenladungen von Emojis ausgeglichen werden.

Ich spreche das als Freundin der feinen Ironie aus leidlicher Erfahrung, denn nicht immer – eher selten – gelingt es mir, auf dieses rhetorische Mittel in der Schriftsprache zu verzichten. Man versteht mich dann gerne falsch bzw bewertet Aussagen über. Aber ich bin mir zumindest dieser Gefahr bewusst und neige dann durchaus schnell dazu, solche Missverständnisse aufzuklären, mich zu entschuldigen.

Der Hexenkessel

Besonders gefährlich wird diese Eigenart auf Twitter, denn hier ist man genötigt, zu verkürzen. Twitter zwingt mich in 140 Zeichen zu bleiben und lädt mich ein zu überspitzen. Tweets sind gerne bissiger als die ausführliche Version der Aussage. Tweets sind wie Headlines und wollen mich in wenigen Zeichen packen.

Für ausführliche Diskussionen und differenzierte Aussagen eignet sich diese Plattform nicht einmal bedingt. Sie kann allenfalls zaghaft und schüchtern auf ebendiese hinweisen.

Ich mag Twitter. Ich bin Twitter mancher Zeit sogar regelrecht verfallen. Ich mag meine Filterblase und meine kleine Welt dort, aber immer wieder brechen in ihr Debatten los, da sitze ich stumm vor der Timeline. Manchmal möchte ich die Augenrollen und manchmal einfach nur weglaufen. Das löse ich dann in der Regel mit dem markanten X zum schließen der App.

Immer häufiger mute oder entfolge ich aber auch sehr großzügig, denn es wird mir echt zuviel. Zu anstrengend.

Familienblogger-Filterblase

Meine Filterblase ist mein Schloss. Sie besteht zu weiten Teilen aus Familienbloggern oder eben anderen interessanten Twitteren, die in diese Blase reingehuscht sind. In meiner Timeline wird zumindest sehr, sehr viele über Familienthemen gezwitschert, über Kinder, Vereinbarkeit, Feminismus und ein paar sinnfreie Quatschköppe habe ich da auch bei. (Muss ja auch wen geben, mit dem ich mich identifizieren kann.)

Viele dieser Themen sind ungeheuer persönlich. Sehr oft wird es auf den Blogs oder auf Twitter sehr privat. Und emotional. Bloggen ist eben doch auch Tagebuch schreiben. Ein öffentliches Tagebuch, aber irgendwie halt Tagebuch.

Aber es lesen Leute mit (Überraschung!) und nicht immer teilen sie die eigene Meinung. Das ist ok so, kennen wir ja aus dem Alltag.

Hier haben wir haben die oben beschriebenen Problemchen, dass ich mich mit meiner sehr emotionalen Aussage vielleicht unheimlich verletzlich gemacht habe und mit offenem Visier dastehe. Auf Twitter hagelt es verkürzte, kryptische Reaktionen, die man in möglicherweise so interpretieren könnte oder auch so. Aber er/sie wird es wahrscheinlich genau so gemeint haben. Oder so.

Es kommentieren Leute, die in meiner wesentlich kleineren persönlichen Filterblase zu Hause nicht vorkämen, denn ich würde sie nicht meine Freunde nennen. Sie sind einfach so anders als ich. Oder sie wären Bekannte und ich würde ihnen nicht so offen mein Herz ausschütten. Online mache ich das. Und sie antworten. Mit ihrer ganz anderen Sichtweise.

Noch fieser wird es, wenn ein Text meine Filterblase verlässt. Ich habe das Vergnügen auch schon mehrfach gehabt, dass einer meiner Texte von anderen geteilt wurde. Je nach Facebookseite auf der dies geschah, kannten die dortigen „Fans“ mich und meine Schreibweise natürlich nicht. Meine etwas äh naja eigene Art zu schreiben interpretierten sie als „überforderte Mutti, die eh keine Kinder wollte!“. Mir ist da so ein Text über meine Urlaubsvorbereitungsphobie in Erinnerung geblieben. 😉

Den Jungs von Ich bin ein Vater ging es neulich ähnlich. Könnt ihr euch im Podcast anhören. Zwei der liebevollen Superpapas hatten über die nervigen Revivals beim zweiten Kind gebloggt und naja…. ach hört es euch an. Ist lustig.

Ich habe den Faden verloren…

…ach da isser…

Wenn ein Text zum Beispiel nur für Stammleser wirklich verständlich ist, weil er Vorwissen voraussetzt. Wenn man den Text im Kontext lesen muss oder ihn zumindest ohne Hintergrundwissen anders lesen könnte, dann ist das so. Ich bin mir bei meinen Texten darüber bewusst, dass nicht jeder potentielle Leser weiß, wie ich manchmal die Sprache verdrehe, dass ich gerne mal übertreibe, dass ich liebend gerne ironisch werde oder auch nur, dass ich meine Kinder eigentlich ganz gerne habe. Also zumindest meistens**.

Kerstin, der Faden!

Jaja…

Der springende Punkt

Worauf ich ursprünglich mit diesem Wortschwall hinauswollte:

Manchmal schüttel ich gerade auf Twitter – aber nicht nur da – nur mit dem Kopf, wenn sich dort in meiner geliebten Timeline die Diskutanten um Kopf und Kragen debattieren. „Warum schnauft ihr nicht einmal kurz durch?“ „Ist das gerade die Aufregung wert?“ „Merkt ihr nicht, dass die Diskussion kein gutes Ende mehr nehmen kann?“

Es fängt mit einseitigen, meist sehr emotionalen Texten an. (Einseitigkeit ist auf einem persönlichen Blog völlig ok und kein Punkt den ich kritisieren würde.) Jemand anders kommentiert oder kritisiert. Auf Twitter. Verkürzt. Überspitzt. Möglicherweise hat er den Text auch „missverstanden“, weil er ohne den allumfassenen Backround las. Möglicherweise ist er auch einfach total anderer Meinung. Möglicherweise ist er auch gar nicht so kontra, aber man könnte den Tweet so verstehen! Wenn man will. Oder gerade in der entsprechenden aufgewühlt, empfindlichen Stimmung ist.

So oder so, es gibt unendliche Debatten mit im Verlauf deutlich zunehmendem giftigen Tonlaut, bei denen mir ganz anders wird. Warum macht man nicht einfach mal kurz die App zu und versucht sich das Ganze nochmal bei ruhigem Gemüt durchzulesen?

Muss man jeden Kampf kämpfen, jede Diskussion mit dem letzten Tweet beenden?

Unaufgeregt ist das neue pink

Ich halte mich zurück. Mir sind viele Texte überhaupt nicht gleichgültig. Manches geht mir sehr Herz. Macht mich sogar wütend oder traurig, aber ich bleibe in der Regel in meiner Kommunikation relativ unaufgeregt. Mag mein erster Tweet*** noch aus einer Laune kommen, so überlege ich bei mich irritierenden Reaktionen zweimal, ob er vielleicht missverständlich war.

War er vielleicht nicht, aber wenn sich jemand aufregen möchte, lasse ich ihn oft ohne meine Beteiligung aufregen. Was habe ich davon, mich hundertfach im Kreise zu drehen? Mich endlos zu verteidigen? Da ist Twitter der falsche Ort. Eine Diskussion, die ins Eingemachte geht, führe ich lieber auf anderen Wegen.

Ok… am Ende bleibt ein „Mensch Kerstin, erzähl mir was neues, das wusste ich doch längst.“ oder zumindest ein „boah war dat fad/überflüssig/sinnfrei“, aber ich bin das Kribbeln in meinen Fingerspitzen los. Mein Blog, mein Ventil, meine Spielwiese. 😉

Twitter ist an manchen Tagen für mich anstrengend. Zermürbend. Soviel sinnlose Konfrontation, die zu keinem Ergebnis führen oder einfach unnötig sind, die wahnsinnig viel Energie absorbieren oder einfach nur viel böses Blut unnötig hoch kochen lassen.

Hab‘ euch lieb!
Kerstin


*Der so gekennzeichnete Link führt auf mein inkonsequent und ohne jeden Redaktionsplan vollgeposteten Instagramaccount, der wahnsinnig viel Potential nach oben hätte, wenn ihn mal jemand bespielen würde, der Ahnung davon hat. So findet ihr aber wenigstens ein paar hübsche, lustige oder zumindest bunte Bilder zur allgemeinen Zerstreuung. Viel Spaß!

**Ich bestehe darauf, meine Kinder alle hingebungsvoll zu lieben! Ich bin gerne Mama. Nur manchmal nervt dieses Mama-Ding trotzdem und der Alltag mit den drei Mini-Chaoten läuft halt selten reibungslos. Naja, eigentlich nie. Aber genau das liebe ich.

***Ich zwitscherte mal unbedacht über den Trend #zuckerfrei, der mich seit Monaten immer mal wieder zum Heben der Augenbraue reizt. Weniger wegen des Zuckers, der überall und nirgendwo drin ist, je nach Sichtweise. Eher weil mir dieser allgemeine Trend zur Selbstoptimierung auf Nahrungsbestandteile oder was auch immer zu verzichten mal irritiert, mal amüsiert. Nicht mehr. Nicht weniger. (Ich bin ein schlichtes Gemüt.) Doch was dann geschah…
…könnt ihr möglicherweise irgendwann auf einem Clickbait-Portal nachlesen. Hier ist es schon wieder Schnee von vorgestern.

 

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Kerstin

Beiträge

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

6 Antworten zu Kommunikation ODER warum ich unaufgeregt gerade so einen ellenlangen Schwachsinnsmonolog schreibe

  1. 

    Ach, ich liebe deinen Stil. Zeitweilig herrlich bissig, zum Schreien komisch, zum Mitheulen, zum Nachgrübeln und absolut bereit, dich selber nicht so ernst zu nehmen. Gefällt mir! Ich bleib dir treu – auch ohne Twitter. #habichnicht

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  2. 

    Ich mag sie auch! 🙋🏼

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  3. 

    Hallo Kerstin,
    ich lese so gern was du schreibst.
    Viele Grüße

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