Was machst du eigentlich den ganzen Tag, Kerstin 07/2019

Noch am Abend des 5. Juli habe ich ein paar Worte stürmisch notiert, denn die Frage „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ ist mir ans Herz gewachsen; diese persönliche Chronologie des Alltags und seiner Veränderung im Laufe der Jahre.
Heute also finde ich eine halbe Stunde, um die Worte zu veröffentlichen. 😉

Der letzte Abend war spät. Ich war erst um 22:00 Uhr daheim und da ich direkt von der Arbeit kam, konnte ich auch nicht direkt ins Bett. Das geht dann nicht so einfach, zumal die Woche so atemlos ist/war. Ich brauchte noch ein wenig Zeit um Luft zu holen.

Kein Tag war normal, jeder einzelne voller Termine und mittendrin ein Zwillings-Kindergeburtstag, der uns dieses Mal verdammt viel Energie gekostet hat. Aber dank der Woche drumherum kann ich dieses Ereignis bisher nicht verbloggen und bin mir nicht einmal sicher, ob ich das noch schaffen werde.

Am Ende war ich nun aber spät im Bett und am frühen Morgen noch unzurechnungsfähiger, als ich eh schon an gewöhnlichen Morgenden bin. Der Traummann behauptet, dass der Krümel nicht bei uns geschlafen hätte. Das kann gut sein. Als ich den Wecker aber das dritte Mal auf snoozen drücke, da liegen mindestens zwei Kinder im ehelichen Bett. Ein weiteres ruft beim vierten Snooze vorwurfsvoll aus seinem Bett, ob ich ihm nun endlich helfen würde, denn das Bett sei nass und er habe mir das eben doch schon gesagt.

6: 45 Uhr // Ich rette mit miesem Gewissen das arme Kind aus seinem Bett, dusche es ab und ziehe es an, ziehe das Bett ab, versuche selbst unter der Dusche wach zu werden, suche eine angemessene Bekleidung für mich, scheitere, ziehe mich trotzdem an und mache Frühstück. Wie in Trance.

Ich will die Brotdosen für den Kindergarten machen, da fragt mich der Sonnenschein, zu welcher Oma sie heute nochmal gehen würden.
Oma? Wieso Oma?
Ja, der Kindergarten habe doch zu!
Warum hat dieser Kindergarten zu!!!

Mir dämmert es. Heute ist der 5. Juli und damit Betriebsausflug und ja, da gab es einen Plan: „Ihr geht zu Oma Moni“, verkünde ich, als mir alles wieder einfällt. Rechtzeitig. Ich bejubel den Umstand, dass ich keine Brotdosen machen muss.

Sogar die Jungs ziehen sich heute selber an. Was bei einem von beiden höchsten Seltenheitswert hat und so erwähne ich nicht, dass Sonnenschein sein Shirt verkehrt herum trägt und versuche auch nur dreimal, den Krümel von etwas anderem als einem Fußballtrikot zu überzeugen. Ich packe einfach Wechselsachen für ihn ein, damit er auch echte Straßenkleidung dabei hat.

Doch ich habe die Rechnung ohne die Zwillingsschwester gemacht, die ihren Bruder darauf hinweist, dass er sein Shirt drehen muss. Nun läuft er den ganzen Tag mit Zahnpasta auf dem Rücken rum. Auch gut.

8:15 Uhr // Wir steigen ins Auto, fahren zweieinhalb Vororte weiter und meine Eltern stehen mit irritiertem Gesicht in der Tür. „Hast du dich vertan, Kerstin? Wir fahren heute nach Köln.“ Mein Hirn arbeitet sehr langsam. Was wollen die mit den Kindern in Köln? Das endet doch nur in Stress???

Aber der Traummann habe doch gesagt, dass Oma Gabi heute die Kinder nehme.
Hat er?

Ich grummel und brummel und habe aber auch keine Energie für sinnvolle Antworten oder investigative Fragen. Ich packe die Kinder wieder ins Auto und rechne mit einer Dreiviertelstunde Verspätung am heutigen Tag. Wir fahren vier Vororte weiter und meine Schwiegermutter erwartet uns schon auf der Straße.
Wo wir blieben? Sie habe schon meinen Mann angerufen, ob ich Bescheid wisse, ob ich käme? Der habe aber bejaht, dass er mir heute früh noch extra eine Erinnerungsnachricht auf das Handy geschickt hätte.

Das Handy? Da habe ich heute noch nicht draufgeschaut. Ich grummel, brummel, ziehe unfreundlich weiter.

Zehn Minuten Autofahrt verkneife ich mir einen Anruf, denn da käme nichts freundliches bei rum. Dann rufe ich an und es kommt nichts freundliches bei rum. 

9:25 Uhr // Ich bin spät in der Stadt, mache auf dem Weg noch einen Umweg, weil ich was klären muss und lande am Schreibtisch. Oh, noch viel mehr super Nachrichten! Nein, eigentlich wirklich ganz gute Nachrichten, aber wie auf geheimnisvolle Absprache hin, überschlägt sich auch im Büro alles an kleinen Dingen, die sich summieren. So sortiere ich mich, arbeite, sortiere, arbeite, bespreche, arbeite und habe Magenknurren. Zum Frühstücken war heute noch keine Zeit.

Aber ich habe eine Dose mit dem Abendessen von gestern dabei. Die Reste hat der Mann mir gestern extra in den Kühlschrank gestellt.

12:00 Uhr // Ich esse. Schicke eine Nachricht an den Mann. Eine Entschuldigung. Ich weiß nicht, wann er mir das gesagt hatte, dass die Kinder doch bei seinen Elten und nicht bei meinen sind, aber erstens habe ich vor lauter Laune heute sicher überreagiert, zweitens traue ich mir beim Stress der letzten Tage zu, dass ich es überhört habe und nicht zuletzt hatte ich heute früh sogar vergessen, dass der Kindergarten überhaupt zu hatte. 

Er schickt ein Herzchen zurück und dass er jetzt mit dem Großen in die Chirurgie zur Kontrolle fahre. (Das Thema Armbruch verfolgt uns noch ein wenig.) Ich frage, ob wir dann gemeinsam heim fahren, denn die Kinderklinik liegt ja auch in der Innenstadt. Vielleicht. Je nach Wartezeit eben.

14:00 Uhr // Ich sehe auf meinem Schreibtisch langsam Land und vor allem Struktur. Ich ahne, dass die nächsten Wochen anstrengend werden, aber absolut machbar. Nebenbei erkläre ich den immer gleichen Leuten zum gefühlt zehnten Mal, dass wir nicht zum Sommerfest kommen werden als Familie. Unsere Wochenende wird die Woche:

Samstag steht der Abschiedsgottedienst für die zukünftigen Schulkinder an und am Nachmittag das Sommerfest im Kindergarten mit Picknick. Am Sonntag haben die Zwillinge Schwimmen und nachmittags die Familienfeier anlässlich ihres Geburtstags. UND wir haben auch dafür nichts bisher eingekauft und vorbereitet. Halleluja.

15:15 Uhr // „Wir sind fertig, treffen wir uns in zehn Minuten am Parkhaus?“ Ich komme ins rotieren. Ich bin nicht fertig!!! Aber ja, alles dringende ist fertig, meine Stundenzahl habe ich diese Woche eh wie bekloppt gesprengt und in zehn Minuten wären auch meine heutigen regulären Stunden rum. Ich ringe mich durch und mache Feierabend.

Der Sonnenschein hüpft durch die Dortmunder Innenstadt und erzählt mir fröhlich vom Tag. Wir fahren zu den Schwiegereltern, bei denen noch die beiden anderen Kinder weilen. 

Der Traummann ist ungeduldig und müde, auch sein Tag war lang, seine Woche war turbulent. Doch wir gehen noch ein Eis essen, wechseln drei Worte und fahren dann.

16:45 Uhr // Zu Hause stürmen die Chaoten mit den Nachbarskindern davon, der Mann versucht sie grob im Auge zu behalten und ich kämpfe mich im Turbo durch Küche und Waschküche. Nur das nötigste und das ist schon immer viel.

18:15 Uhr // Wir grillen. Eigentlich ist es ein schöner, lauer Abend, doch so langsam sind auch die Kinder durch. Ihre Eltern auch. Wir können uns aber darauf einigen, dass uns gewisse Tischregeln heute egal sind, die Kinder noch spielen dürfen, solange kein Blut fließt, und wir Erwachsenen wenigstens in Ruhe aufessen und zwei Sätze zu Ende sprechen.

19:30 Uhr // Eine räumt die Küche auf und einer macht die Kinder bettfein. Unser Abendritual lässt an Konstanz nach. Liegt das an unserer Nachlässigkeit oder dem Alter der Kinder? Kaum ein Abend mehr wie der andere und manche Rituale gehen unter, scheinen sich auszuschleichen. Doch ich bin gerade zu müde, um darüber zu sinnieren, es zu bedauern. Es ist, wie es ist.

20:15 Uhr // Die Kinder liegen im Bett, auf der Terrasse sitzend trinken wir ein Glas Wein. Nicht lange, da liegen wir auf dem Sofas, haben den Fernseher an, ich schreibe ein paar Notizen vom Tag auf und am Ende reicht es dann nur für Notizen.

Eure Kerstin

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

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