Frohe Ostern dann auch!

Es war einmal

Es ist Gründonnerstag. 15:30 Uhr. Eine wahnsinnig gut aussehnende WorkingMom sitzt in der überfüllten Regionalbahn auf dem Heimweg zu ihrer Familie. Sie tippt in ihr Handy ein paar Worte zum letzten Arbeitstag vor dem langen Wochenende, schreibt über Vorfreude auf das Familienfest, über die Auszeit vom Alltag, über ihre Freude über die Existenz eines Alltags.

Netz gibt es hier auf der Strecke zwar nicht, (wieso auch – es ist ja nur einer der größten Ballungsräume Europas) aber dieser Zeitpunkt wäre eh nicht günstig, um so gewählte Worte hinaus in die Welt zu posaunen. Die Insta-Community ist gerade nicht vollzählig online. Vermutlich fahren sie alle tagsüber zuviel durch das digitale Niemandsland deutscher Großstädte oder sind vom Familienalltag abgelenkt. Ach da freut sich unsere Pendlerin gerade auch drauf.

(Sie wird den Post nie auf Instagram veröffentlichen. Aber dazu später mehr…)

Irgendwann in den 90ern des vergangenen Jahrhunderts

Wenige Jahre zuvor springt fröhlich eine tollpatschige 13-Jährige die Treppen Richtung Pausenhalle runter. Es ist der letzte Tag vor den Ferien und sie will auf keinen Fall den ersten Bus verpassen! Alle anderen Busse danach werden vermutlich so überfüllt sein, dass sie an ihrer Bushaltestelle vorbeifahren (die anderen Schulen liegen strategisch günstiger, weiter vorne an der Busstrecke) und darauf hat sie heute keine Lust.

Knacks. Die letzten drei Treppenstufen hat sie in irgendeiner peinlichen Aktion auf einmal genommen und liegt nun bäuchlings in der Pausenhalle. In der vollen. Unfassbar demütigend! Und der Schmerz aus dem Knöchel treibt ihr die Tränen in die Augen! Peinlicher geht es nicht.

Gekonnt ist gekonnt

Ich habe gewisse Talente. Ich kann sowas auch durchaus fast ein Vierteljahrhundert später nochmal nachstellen. Dieses Mal reichte mir eine Treppenstufe und es war keine Pausenhalle, nur ein Bahnhofsvorplatz. Statt linkem Sprunggelenk ist es nun das rechte, aber wer hält sich gerne mit Details auf?

Ich kann euch immerhin berichten, dass es immer noch extrem schmerzt, wenn so Bänder reißen. Dass man netterweise keine gehaltenen Aufnahmen mehr macht heutzutage und auch nicht mehr das komplette Bein großzügig eingipst. Die Schienen sehen auch etwas moderner aus und man muss keine 6 Monate mehr auf Sport verzichten. Alles super also.

Bleibt trotzdem doof. Und schmerzhaft. Nicht, dass jemand meint, ich würde das mit meiner flapsigen Art unterschlagen wollen. In der Ambulanz habe ich auch gelächelt. Fast gekotzt vor Schmerz, aber gelächelt. Das Personal war ja nicht schuld an meinem Schmerz. Ich solle nicht die Heldin geben, meinte man. Man wisse um die Schmerzen.

Ich bin keine Heldin. Ich bin nur Kerstin und kann nicht aus meiner Haut.

Dann eben mit hochlegtem Bein Ostern feiern auf Sparflamme. Kann ich ja nun nicht ändern. Dabei hätte ich zum Beispiel gerne geändert, dass Krümelchen diese Nacht sich ausgeschüttet hat, dass nach einigen Stunden kein sauberes Handtuch oder Bettlaken mehr zu greifen war. (Wir brauchen weniger Minimalismus und mehr Handtücher!)

Aber auch er war ziemlich abgeklärt. Während er sich gefühlt auf links ausstülpte, lief keine Träne. „Das tut mir leid, Mama.“ – „Das muss es nicht, Krümelchen. Du tust mir leid. So spucken zu müssen ist verdammt blöd. Du kannst nichts dafür. Du bist krank.“ – „Ich bin krank. Bin ich morgen wieder gesund?“ – „Vermutlich.“ Er stand vier Mal in dieser Nacht unter der Dusche und wusch sich ganz selbstständig, während ich irgendwie die Spuren drumherum beseitigte. Plauderte mit mir im Bett, weil wir zwischen den Attacken nicht so recht zum schlafen kamen.

Na Frohe Ostern dann auch!

Haben wir nun BINGO! auch noch MD zum Osterfest? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Und wenn es so wäre, dann wäre es so. Warten wir es ab.

Ich habe die Tage schon einmal über so eine Momentaufnahme nachgedacht. Ostern vor drei Jahren zum Beispiel, da schrieb ich am Rande, dass Krümel Durchfall gehabt hätte. Hatte er auch. Hätte damit ja auch gut sein können.

Ich wusste einfach nicht, dass ich selbst einfach nicht aufhören würde damit für die nächsten Wochen. Geht man ja auch nicht von aus. Ich war einige Wochen krank, obwohl Eltern gar nicht krank sein dürfen. Theoretisch ist auch der Text einer ziemlich gezeichneten Kerstin total verschroben aus heutiger Sicht.

Denn damals war dann auch nach drei Wochen eben nicht alles wieder gut. Es wurde noch fieser, endete ging stationär weiter, ergab irgendwie nichts als Ergebnis, außer dass ich wohl zuviel Stress habe und Reizdarm und so. Ein Hohn aus heutiger Sicht, denn schon damals waren die Biospie-Ergebnisse typisch für Zöliakie. Man erwähnte diesen Umstand nur nie mir gegenüber.

Ich ging von Stress aus. Auch die ersten neurologischen Ausfallerscheinungen damals erwähnte ich nie, denn ich hielt sie für stressbedingt oder vielleicht auch eingebildet, auf jeden Fall vorübergehend.

Die Gnade der Unwissenheit

Es sind Momentaufnahmen. Erst im Nachhinein weiß ich, dass ich damals nicht einfach zuviel Stress hatte, die Situation falsch einschätzte, zu optimistisch war. Mir hätte es geholfen, wenn damals schon jemand die Diagnose korrekt gestellt hätte. Weniger Optimismus oder gar zu ahnen, was alles noch da auf mich zukommen würde, hätte mir aber auf keinen Fall geholfen. Es wäre der Horror gewesen.

So lege ich es heute auch nicht ab. Denn jede Pechsträhne muss mal reißen.

Irgendwann muss ich mal darüber schreiben, wieviele Perspektiven es in den letzten Jahren auf diese Geschichte gab. Die, die unsere/meine Probleme nicht ernst nahmen, weil wir/ich einfach nie verzweifelt genug dafür waren. Die, die sahen, dass wir durch die Hölle gingen, die wir aber selbst nie für uns als solche sehen wollten. (Das wäre nicht auszuhalten gewesen!) Die, die meinten, ich lächle zuviel und halte mich zu aufrecht, ich solle die Fassade ablegen und nicht alles überspielen. Die, die mich für eine überforderte Hypochonderin am Rande der Hysterie oder auch weit darüber hinaus hielten.*

Vermutlich hatten sie alle irgendwie recht. Ich weiß es ja auch nicht, was die Wahrheit ist. Je nach Verfassung von mir, halte ich eine andere für zutreffend.

Frohe Ostern euch allen!
Eure Kerstin (Mir ist gerade speiübel. Aber das verdränge ich jetzt, bis ich bewiesendermaßen kotzend über dem Klo hänge. )

Anmerkung*: Selbstverständlich sehe ich nicht jede dieser Perspektiven mit unendlicher Gelassenheit. Auch wenn ich es in Teilen nachvollziehen kann, bin ich in den ein oder anderen Fall verletzt oder sogar wütend. Aber das Thema ist hier deplatziert und meine Gedanken dazu auch zu unsortiert bisher.

Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

1 comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.