Warum der Staat die kinderlose Alleinverdienerehe bevorzugt

Rabenvaterstaat: Warum es sich kaum lohnt, dass ich arbeite

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findest du am Ende des Beitrags ausführliche Worte dazu meinerseits.

Ich habe mich mal als Workaholic bezeichnet und ein wenig stimmt das noch immer. Ich arbeite verdammt gerne. Aber warum lohnt es sich scheinbar finanziell kaum, sich die Mühe mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu machen? Das möchte ich heute nachrechnen, Mathe kann ich ein wenig, das mit den Steuern eher nicht, aber das hält mich davon nicht ab. Denn das Thema zeigt sehr klar, warum der Staat einen guten Anteil daran hat, dass sich Rollenbilder nur mit viel Mühe aufweichen lassen. Das Grundkonstrukt scheint den Status quo zu zementieren. und Alleinverdienerfamilien massiv zu bevorzugen.

Ich nehme dabei uns als Beispiel, denn wir sind eine ganz wunderbar idealtypische Familie, die sich sogar ein eher konservativer Politiker noch vorstellen kann und vielleicht sogar auf Wahlplakate drucken würde. Ich hoffe, dass ich so nicht noch zusätzlich mit der bunten und wesentlich heterogenen Realität die Gehirnwindungen überlaste, wenn jene sich Geringverdiener oder Erwerbslose oder unverheiratete oder gleichgeschlechtliche Elternpaare, Patchworkfamilien oder Alleinerziehende vorstellen müssten. Das würde den Rahmen sprengen und andere können das viel besser.

Das sind wir:
Wir sind beide Mitte/Ende 30, verdienen relativ nah am Durchschnitt, gehören zu der legendären Mittelschicht, sind verheiratet in einer heterosexuellen Ehe, nie geschieden, Eltern von drei Kindern und ganz passabel ausgebildet. Wir wohnen in einer Kleinstadt im bevölkerungsreichsten Bundesland NRW, fahren einen Familienvan und wohnen in einem Reihenhaus, das im Wesentlichen der Bank gehört.

Die Einkommensverhältnisse

als verheiratetes, kinderloses Paar

Wie ich bereits an anderer Stelle mal schrieb, haben wir damals vor sechs Jahren ein ähnliches Jahreseinkommen gehabt. Wobei ich freiberuflich tätig war, mein Mann angestellt. Wir arbeiteten Vollzeit.

als frische Eltern

Wir haben innerhalb von zwei Jahren und zwei Monaten drei Kinder in unserer Familie begrüßen dürfen. Anfangs klappte das mit der Vereinbarkeit noch ganz gut, auch wenn ich deutlich weniger arbeitete. Dann klappte es ab 2017 nicht mehr passable und ich arbeitete noch weniger – nahezu gar nicht.

Das Einkommen sicherte mein Mann, der netterweise auch zusehends mehr verdiente. Er machte Fortbildungen, nahm neue Stellen an, stieg auf.

als verheiratete Eltern mit drei Kindern

Wir schreiben 2019 und die Wogen in der Familie haben sich geglättet, die großen Kinder werden bald eingeschult, der Kleine geht in den Kindergarten. Ich arbeite nun seit gut einem halben Jahr festangestellt. Und eigentlich lohnt sich das kaum. Warum?

Nehmen wir mal an, wir würden ziemlich durchschnittlich gut in Vollzeit verdienen (damit kommen wir der Wahrheit recht nahe). Dann würde mein Mann laut statistischen Bundesamt 3.880 Euro brutto im Monat verdienen. Frauen verdienen bei gleicher Qualifikation und Stundenzahl rund 6% weniger (bereinigter Gender Pay Gap). Ergäbe einen Bruttomonatsverdienst von 3647,20 Euro. Ich habe es nie nachgerechnet, aber ich vermute, bei uns geht da die Schere noch deutlich weiter auseinander. Aber sei es drum, bleiben wir bei diesen Zahlen für Vollzeit.

Faktor: Teilzeit

Nun ist es zum einem überaus aufreibend, wenn beide Eltern Vollzeit arbeiten und zum anderen von uns auch so nicht erwünscht. Wir wollen den Spagat zwischen Familie und Beruf gleichberechtigt auf zwei Schultern verteilt hinbekommen, ohne uns zu verausgaben oder die Kinder zu kurz kommen zu lassen. Wir arbeiten also beide Teilzeit.

Ich arbeite 30 Stunden, der Mann 35 Stunden die Woche. (Wir hätten beide 30 präferiert, aber dann wird es knapp.) In meinem Fall sind das 75% der Vollzeit und bei meinem Mann 89,74%. Das ergibt bei dem oben angenommenen Vollzeit-Einkommen 2.735,40 Euro bzw 3.481,91 Euro. Unser eigenes kleines Gender Pay Gap. Unbereinigt in diesem Fall, denn neben meiner familiären Auszeit drückt die geringere Stundenzahl das Gehalt.

Faktor: Ehegatten-Splitting

Jetzt kommt der Rabenvaterstaat ins Spiel, der Ehepaare (und nicht Familien!) steuerlich begünstigen möchte durch das Ehegattensplitting. Packen wir also den gutverdienenden Ehemann in die Steuerklasse 3 und die schlechter verdienende Ehefrau in die Steuerklasse 5. Dann sind wir laut dem Brutto-Netto-Rechner bei 1.452,18 Euro und 2.516,89 Euro netto. Im Portmonnaie vergrößern wir den Gehaltsunterschied nochmals, doch zusammen kämen wir auf 3.968,99‬ Euro im Monat.

Gegenbeispiel: Alleinverdiener + Minijob

Würden wir annehmen, dass mein Mann einfach weiterhin Vollzeit arbeiten würde und ich nur einer geringfügigen Beschäftigung nachgehen würde, kämen wir auf 2.751 Euro und 450 Euro monatlich auf dem Konto. Gemeinsam hätten wir dann 3.201 Euro im Monat.

Wir hätten also ein um 767,99 Euro geringeres Einkommen als im vorherigen Beispiel.
Aber es geht ja (leider) noch weiter.

Warum der Staat die kinderlose Alleinverdienerehe bevorzugt und gleichberichtigte Partnerschaft erschwert

Die Ausgabenseite

Die Kinderbetreuung

Wir leben in Nordrhein-Westfalen und haben drei Kinder. In NRW ist das dritte Kindergartenjahr (Vorschuljahr) frei. Geschwisterkinder sind in vielen Städten ebenfalls kostenfrei. Allerdings nicht überall und immer, wie wir gleich an unserem Beispiel sehen werden.

Die Höhe der erhobenen Elternbeiträge für die Kinderbetreuungskosten unterscheidet sich erheblich zwischen den Städten und so bleibe ich bei den kommunalen Satzungen, die für uns gelten.

Aktuell sind die Zwillinge Vorschulkinder und beitragsfrei. Krümel als Geschwisterkind ebenfalls. Das ändert sich im Sommer aber und dann haben wir zwei Kinder in der OGS, eines im Kindergarten. Leider haben wir zwei Kinder in einer OGS der Stadt Dortmund und ein Kind im Kindergarten der Stadt Schwerte. Warum ist das relevant?

Werden gleichzeitig beitragspflichtig Angebote nach den vorgenannten Absätzen 2 [Kindertageseinrichtung Anm. d. Verf.] und 3 [OGS Anm. d. Verf.] in Anspruch genommen, so beträgt der Beitrag für das Kind, das außerunterrichtliche Förderund Betreuungsangebote im Primarbereich in Anspruch nimmt, jeweils 50 v. H. des maßgeblichen Betrages entsprechend des Absatzes 3. Ab dem dritten Kind entfällt die Beitragspflicht, sofern für ein Kind ein Beitrag für die Inanspruchnahme eines Angebotes im Sinne des § 1 Absatz 1 dieser Satzung zu entrichten ist.

Stadt Schwerte

Entsprechend der Satzung der Stadt Schwerte würden wir also für Krümels Kindergarten zahlen und die Hälfte für die OGS des ersten Zwillings. Der zweite wäre frei. Gleiches findet sich in der Satzung der Stadt Dortmund. Aber auch:

Sofern Geschwisterkinder Betreuungsangebote außerhalb von Dortmund nutzen und hierfür Beiträge erhoben werden, findet Absatz 1 keine Anwendung.

Stadt Dortmund

Wir werden also für Krümel den Kindergarten in Schwerte bezahlen und für die den ersten Zwilling 100% der OGS-Kosten, für den zweiten Zwilling 50% in Dortmund. Warum wir uns als an der Stadtgrenze wohnende Familie für Betreuungseinrichtungen auf unterschiedlichen Stadtgebieten entschieden haben oder auch entscheiden mussten, mag ich an dieser Stelle nicht genauer ausführen. Gehen wir zu den Zahlen.

Die Betreuungskosten für unsere drei Kinder bei einem angenommenen Bruttojahreseinkommen von 74.607,72 Euro ergeben 156 Euro im Monat für 35 Stunden Kindergarten für den über 3-Jährigen, sowie 100 Euro für den ersten Zwilling und 50 euro für den zweiten Zwilling in der OGS. Wir kommen auf 306 Euro im Monat. Damit kommen wir in NRW im Vergleich zu manch anderen Bundesländern noch ganz günstig weg, im Vergleich zu anderen eher nicht.

Gegenbeispiel: Alleinverdiener + Minijob

Rechnen wir das ganze mit unserem Alleinverdiener und der geringfügig beschäftigten Ehefrau aus, dann gehen wir von 51. 960 Euro Bruttojahreseinkommen aus ((3.880 + 450)*12). Wir würden die OGS nicht benötigen, da ein Minijob auch in zwei bis drei Vormittage oder am Wochenende passen könnte. Außerdem schicken wir Krümel nur 25 Stunden in den Kindergarten und geben so 67 Euro im Monat aus.

Unser monatliches Plus durch die zwei teilzeitarbeitenden Ehepartner hat sich damit auf 528,99 Euro verringert.

Weitere Kosten: Fahrtstrecke, Mittagessen,…

Nun sind rund 530 Euro im Monat mehr nicht zu verachten, aber durch den zweiten Teilzeitjob entstehen auch noch höhere Fahrkosten. Im besten Fall könnte das ein Bahnticket sein, dass wir von unseren Arbeitgebern tatsächlich auch vergünstigt erhalten. Das klappt hier in NRW in Kleinstädten – anders als in den Großstädten der Republik – nicht unbedingt. Es könnte auch ein zweites Auto mit entsprechenden Kosten notwendig sein.

Ebenso fallen bei der Betreuung der Kinder über Mittag auch die Kosten für das Mittagessen an. Hier zahlt man in der Regel tatsächlich für jedes Kind voll.

Da bleibt je nach Konstellation von den 530 Euro (fast) nichts übrig. Lohnt sich dann der Stress mit der Vereinbarkeit?

Fazit: Kann das so gewollt sein?

Am Ende bleibt finanziell kaum ein Plus auf dem Konto, wenn ich als gutausgebildete verheiratete Frau eines ganz gut verdienenden Partners 30 Stunden arbeite und wir uns die Vereinbarkeit auf zwei Schultern verteilen. Kann das erwünscht sein?

Denn würde ich das nicht machen, nicht unbedingt wollen, dann hätten wir gerade nicht weniger Geld. Ich würde nur niemals eine Chance haben, den Gender Pay Gap annähernd wieder aufzuholen, ich würde immer weiter zurückfallen, beruflich nicht weiterkommen, irgendwann chancenlos sein. Ich würde keine eigenen Rentenansprüche erwerben, nicht in die Sozialversicherung einzahlen, wäre absolut abhängig von meinem Ehemann und am Ende droht die Altersarmut.

Wir würden unseren Kindern keine selbstverständliche Gleichberechtigung und Chancengleichheit vorleben.

Würde unsere Ehe scheitern, was statistisch nicht einmal eine wahnsinnig exotische Annahme wäre, die ich persönlich absolut für uns nicht annehme, dann müsste ich aus dem Nichts mich bald selbst versorgen. Denn es wäre zumutbar, dass ich für mein Einkommen alleine sorge. Doch mit jedem Jahr das verginge, hätte ich mit geringeren Einnahmen zu rechnen, wäre weiter raus aus meinem Beruf, hätte schlechtere Chancen.

Würde mein hier durchschnittlich verdienender Mann gar mehr verdienen, so wird es immer unrentabler, dass ich einer Teilzeit-Berufstätigkeit nachgehe: Die Opportunitätskosten durch seine Stundenreduzierung wären höher, die Betreuungskosten für die Kinder durch das höhere Jahreseinkommen ebenso. Finanziell würde es sich für uns als Familie mehr rentieren voll auf die Karriere des Alleinverdieners zu setzen und nur ein wenig dazuzuverdienen, wie es gerade so in den Alltag passt. Die Care-Arbeit, die Erziehung der Kinder, den Haushalt, den Familienalltag würde eine alleine wuppen.

Kann das politisch gewollt sein? Wollen wir das so stehen lassen?

Ansätzen müsste an dieser Stelle der Staat. Er schafft die Rahmenbedingungen. Zwar liegt es an jedem Paar und jedem Elternteil, sich bewusst für die (Teilzeit-)Berufstätigkeit zu entscheiden, doch der Staat sollte es nicht so schwer machen, so finanziell unattraktiv.

Auch die Gesellschaft verliert doch durch die Ergebnisse dieses Systemfehlers, wenn das Know How bestens ausgebildeter Frauen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht; wenn sie diese später in tiefer Altersarmut durchfüttern muss; wenn diese nach einer überraschenden Scheidung nicht ihr Einkommen allein bestreiten können.

Man sieht an unserem Beispiel, dass eine generell kostenlose Kinderbetreuung die Entscheidung schon einfacher machen würde. Ich könnte trotzdem auch Hausfrau und Mutter sein, mein mögliches Einkommen, bei der Entscheidung für die Berufstätigkeit, würde sich aber nicht erheblich durch die dann entstehenden Kosten verringern.

Und was soll eigentlich dieses dusselige Ehegattensplitting, dass nach 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mufft? Über das könnte ich mich massiv echauffieren, da es vor allem kinderlose Ehepaare bevorzugt, Alleinerziehende total im Regen stehen lässt und unverheiratete Eltern sogar bestraft. Für Familien wie unsere macht es aber den Weg in die gleichberechtigte Berufstätigkeit einfach noch unattraktiver.

An dieser Stelle kann man sich noch viele kluge Gedanken machen. Ich aber möchte diesen Text an der Stelle nicht überstrapazieren und nur diese Anregung hinterlassen weiterzudenken und in Frage zu stellen. Ich empfehle zudem von Herzen das Buch von Jenna Behrends Rabenvaterstaat: Warum unsere Familienpolitik einen Neustart braucht*, die ganz wunderbar dieses und viele weitere Themen für jeden verständlich zusammenfasst.

Eure Kerstin

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Quellen:

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Kerstin ist Mitte 30, seit Sommer 2013 Mutter von einem Zwillingspärchen. Der Sonnenschein, seine Zwillingsschwester die Prinzessin und das kleine Krümelchen (2015) halten sie gut auf Trab, wenn sie nicht gerade arbeitet, bastelt, backt, liest, im Netz rumwühlt,… Gerne macht sie auch alles gleichzeitig. Der beste Ehemann der Welt passt schon auf, dass das Chaos nicht ausartet.

2 comments

  1. Hallo Kerstin,
    Meine Kinder gehen in derselben Gemeinde in die Kita und die OGS und es erfolgt keinerlei Anrechnung, d.h. wir zahlen für beide den vollen Beitrag. Das darf wohl jede Gemeinde selbst entscheiden.
    Viele Grüße
    Verena

  2. Hallo Kerstin,
    ich finde der Artikel reduziert alles auf das liebe Geld. Aber aus einer beruflichen Tätigkeit kann man doch so viel mehr mitnehmen! Die Kritik am Splitting teile ich. Auch hinsichtlich der Betreuungskosten bin ich im Wesentlichen deiner Meinung. Was ich aber noch viel schlimmer finde, ist, dass man zumindest im hiesigen Bereich vollkommen allein mit der Organisation gelassen wird. Jede Einrichtung führt ihre eigene Warteliste, Plätze gibt es grundsätzlich nur zum September, wenn die Schule losgeht…

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